Bevor wir bewohntes Land erreichten, hatten wir einen wasserarmen Steppenwald zu durchziehen und erst am 18. Dezember betraten wir die ausgedehnte, leicht gewellte Ebene von Turu. Lichter, sandiger Boden bedeckt auf weite Strecken das Land, das stellenweise mit spärlichem Gestrüpp bestanden ist. Vereinzelt ragt ein hoher Baobab oder eine Anhäufung wilder Granitblöcke auf. In der Ferne erhebt sich eine riesige, dunkle Bergpyramide: der Gurui. Von dunkelen Euphorbienhecken umgeben, sind die elenden kleinen Temben der Wanyaturu verstreut, ärmliche, niedrige Lehmbauten, in welche man förmlich hinein kriechen muss. Dazwischen liegen die Felder, die mit hölzernen Hacken bebaut werden. Die Eingeborenen, die in ihrer Nacktheit originell aussehen, gleichen sehr den Waschaschi in Elmarau und benutzen auch dieselben originellen Stockschilde wie diese. Sie verhielten sich anfangs scheu, belästigten uns jedoch vorerst nicht.

Erst am 19. September, als wir den salzigen Singisa-See passirt hatten, in den tiefe Wasserrisse einmünden, zogen sie uns schaarenweise mit Kriegsgeschrei nach. Wir beachteten dies nicht weiter, bis sie Pfeile auf den Nachtrab schossen, einen Scherz, den sie sich meinen Vorgängern gegenüber mehrfach ungestraft erlaubt hatten. Diesmal waren sie jedoch an die Unrechten gekommen, wovon sie einige scharfe Salven belehrten, welche die freche Gesellschaft in wilde Flucht auflösten. Wir erbeuteten eine Heerde, in der die Araber von Irangi viele Stücke wiederfanden, die ihnen von den Wanyaturu geraubt worden waren. Ich gab meiner Gewohnheit gemäss selbst einige Schüsse ab, wobei meine Wunde wieder aufbrach und mir in den nächsten Tagen heftige Schmerzen verursachte.

Am Morgen des 19. Dezember stiegen wir zu einer Kammhöhe an und sahen uns abermals am Rande des grossen ostafrikanischen Grabens, dessen westlichen Abfall wir bei Leilelei im März erstiegen. Derselbe war hier nicht so steil wie im Massai-Land: tief unten lagen auf der flachen Sohle die Temben der Wanyamwesi-Kolonie Unyanganyi. Ueber theils grasigen, theils mit Dorngestrüpp bedeckten Hang, auf dessen Vorstufen vereinzelte Niederlassungen lagen, ging es bergab nach der sandigen Sohle, in der ungeheure Baobabs und kleine Wanyaturu- sowie grosse Wanyamwesi-Temben verstreut sind. Die Kolonisten, intelligente Leute aus Urambo, empfingen uns sehr freundlich, sie haben die hiesigen Wanyaturu völlig zu Paaren getrieben und leben jetzt auf gutem Fusse mit ihnen. Sie wiesen ein Schreiben von Dr. Stuhlmann vor, der einige Monate früher durch Unyanganyi gekommen. Da ich ersah, dass er den direkten Weg nach Irangi eingeschlagen, so beschloss ich über Ussandaui zu marschiren.

In den nächsten Tagen zogen wir durch dorniges, schwer gangbares Steppenland gegen Süden. Breite, gegen Ugogo verlaufende Bachbette durchschneiden das Land, dessen Steppencharakter durch den jüngsten Regen mit Grün übertüncht war. Am 24. Dezember lagerten wir unter hohen Akazien bei den klaren felsigen Igonda-Wasserlöchern. Die Wanyamwesi-Ansiedler in Ussandaui hatten von meiner Ankunft erfahren und brachten mir Eier und Feldfrüchte entgegen, ein Geschenk, das mich am Weihnachtsabend doppelt erfreute.

Am Christtag hielten wir unsern Einzug in Ussandaui und lagerten im Dorf des freundlichen Kolonisten Kipilipili, das zwischen ungeheueren Affenbrodbäumen am Fusse eines felsigen Hügels liegt. Von besonderem Interesse war mir das Volk von Ussandaui mit seiner merkwürdigen, durch Schnalzlaute an die Hottentotten erinnernden Sprache.

Am 26. Dezember gings durch hügeliges bewohntes Land. An den meist trockenen Bachbetten lagen die niedrigen Temben der Eingeborenen und ihre Felder, in welchen die Aussaat eben vollendet war. Aus den felsigen Höhen im Norden erhob sich die dunkele, waldige Kuppe des Tuyui. Bei dem an einen Felsblock geklebten Tembe des Mnyamwesi Mtoro, bezogen wir Mittags das Lager. Mtoro, ein hochgewachsener alter Mann, war das Oberhaupt der Wanyamwesi-Kolonisten in Ussandaui, überhaupt der eigentliche Beherrscher des Landes und unter den primitiven Eingeborenen ein wahrer Pionier der Kultur, oder doch der Halbkultur.

Durch unbewohntes, vorherrschend flaches Land mit einzelnen felsigen Kuppen ging es nordwärts, theils durch lichten Wald, theils durch dornenreiche Steppe. Wir kamen an Dr. Fischer's Lagerplatz von 1885 vorbei und gelangten am Abend des 28. Dezember an einen felsigen, wasserführenden Riss in den Vorhöhen der Irangi-Berge. Gegen Abend erschien Ali bin Nasor, ein Araber von Irangi, der mir mit reichen Geschenken entgegengeeilt war. Er war der Zweite im Range der arabischen Kaufleute in Irangi und lebte auf gespanntem Fusse mit seinem ungleich bedeutendern Nebenbuhler Saïd bin Omar, dem er auf jede Weise den Rang abzulaufen suchte. Er bot Alles auf um sich mit den neuen Herren Ost-Afrika's, den Deutschen, auf guten Fuss zu stellen. Er ist ein intelligenter Maskataraber, und ich war immerhin erfreut wieder einmal mit einem vernünftigen Menschen sprechen zu können, wenn auch seine übertriebene Demuth und die fortwährenden Versicherungen seiner Liebe zu den Deutschen mich nicht sehr angenehm berührten.

Mann aus Ussandaui.

Am 29. Dezember ging es ziemlich steil durch Wald zum breiten, wasserlosen Bubu. Wir verfolgten das sandige Bett eines Nebenflüsschens, in dem sogar etwas Wasser rieselt und das sich zwischen freundlichen, bewaldeten Hügeln schlängelt. Später lichtet sich der Wald und in den Feldern der Ansiedler und Eingeborenen wird der ziegelrothe, frisch geackerte Boden sichtbar. Kurz bevor wir Irangi erreichten begegnete uns ein prächtiger Zug von Arabern und Swahíli mit goldgestickten Mänteln und blendend weissen Hemden, mit blitzenden Schwertern und Dolchen im Gürtel. Es war Saïd bin Omar, der mit seinem Gefolge zu meiner Begrüssung ankam, ein vornehmer Araber, der mich mit orientalischer Würde und Höflichkeit empfing, bei der man jedoch so ziemlich durchmerkte, dass er Europäern nicht übermässig grün ist. Die besseren arabischen Kreise halten sich überhaupt noch etwas reservirt und jene Gestalten, die mit überschwänglicher Demuth den siegreichen europäischen Machthabern die Füsse lecken, sind oft die grössten Schufte. Die Zeit wird auch hier klärend auf die Verhältnisse einwirken.