Der Victoria-Nyansa ist in dem besprochenen Theile sehr inselreich, ausser den genannten sind noch zahlreiche, meist felsige Eilande darin verstreut.
Das Wasser des Sees ist an tiefen Stellen und steilen Küsten dunkelgrün, ganz süss und wohlschmeckend, in flachen Theilen wird es gelblich bis braun und hat dann einen schlechten Sumpfgeschmack.
Nach verschiedenen Erkundigungen, welche ich einzog, fiel das Niveau des Victoria seit etwa 1880 um mehr als einen Meter, steigt jetzt jedoch wieder. Die alte Fluthmarke ist an felsigen Küsten deutlich wahrnehmbar. Eine eigenthümliche, schon von mehreren Reisenden beobachtete Erscheinung ist die scheinbare Ebbe und Fluth im Victoria-See. Am Speke-Golf ändert sich der Wasserstand um ca. 50 cm und ist Morgens am niedrigsten, Mittags am höchsten. Ich beobachtete dies im Mai, doch ist diese Niveauschwankung während des ganzen Jahres angeblich eine ziemlich regelmässige. So durchwaten die Eingeborenen den Rugedsi-Kanal stets Morgens, während sie in der Mittagszeit mit Kanus durchfahren. An der Westküste des Sees, in Bukoba, wurde diese Erscheinung von Dr. Stuhlmann nicht beobachtet. In Kavirondo dagegen beobachtete Pringle ein Schwanken von 6 zu 12 cm, dessen Höhepunkt gegen Abend erreicht wurde. Ob diese eigenthümlichen Schwankungen ausschliesslich den Winden ihre Entstehung verdanken oder ob Seiche-Erscheinungen dabei eine Rolle spielen, mag spätere Forschung entscheiden.
Nach sehr starkem Regen soll der See merklich anschwellen. Er besitzt eine starke Strömung gegen Norden, welche besonders im Rugedsi-Kanal sehr kräftig sichtbar wird. Die Wassertiefen sind zweifellos erheblich. Auf offener See fand ich im Speke-Golf und der Bukumbi-Bai bei 10 m nirgends Grund, an felsigen Küsten finden sich Tiefen von 5-7 m nahe am Ufer, bei flachen sind die Tiefen natürlich geringer.
Der Fischreichthum des Nyansa ist ein auffallend ungleicher, in der Bukumbi-Bai und im Emin Pascha-Golf sehr gering, ausserordentlich gross dagegen am Ostende des Speke-Golfes bei Katoto. Krokodile und Flusspferde sind überall häufig. Was die Ufer anbelangt, so reicht im Süden das wellige, mit Granitblöcken bedeckte Gebiet von Unyamwesi bis an dieselben heran. Im Osten sind die fruchtbaren Ufergebiete oft durch einen Steppenstreifen von den östlichen Hochländern getrennt, von welchen nur ein Komplex, der von Majita und Kiruwiru, bis an die Küste tritt. Auch jener Theil der Westküste, den ich bei Bukome kennen lernte, hat wasserarme Gegenden in nächster Nähe des Sees.
Dennoch scheint mir Lugard's Ansicht der Berechtigung zu entbehren, dass der Victoria-See aus unterirdischen Quellen bedeutende Zuflüsse empfange. Denn der Ausfluss des Nil in Uganda ist nur um ein Drittel wasserreicher als der Einfluss, der Kagera-Nil, und dieses Drittel wird durch die übrigen Zuflüsse des Sees immerhin reichlich ergänzt. Sein eigenes Volumen erhält der See der Verdunstung gegenüber nicht nur durch die Niederschläge, welche er selbst aufnimmt, sondern auch durch die ungeheure Wassermasse die ihm sämmtliche Gewässer zur Regenzeit zuführen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Binnenseen Centralafrika's, welche Grabenseen sind, ist der Victoria-See ein echtes Becken, bei dessen Entstehung keine grossen geologischen Störungen thätig waren. Stuhlmann fasst zwar den westlichen Steilrand des Sees als Bruchlinie auf, eine Ansicht, die durch das Auftreten älterer Eruptivgesteine bei Irangala eine gewisse Stütze erhält. Doch war die betreffende Störung jedenfalls nur eine rein lokale und spielte bei der Entstehung des Victoria-Sees keine bedeutende Rolle. Ob die Theorie Stuhlmann's, dass der Victoria-See ursprünglich mit dem Eyassi zusammenhing, Begründung hat, mag spätere Forschung lehren. Vorläufig scheint das fast völlige Fehlen junger Sedimente, vor Allem von Kalken, zwischen Victoria-See und Eyassi eher dagegen zu sprechen.
TAFEL XVII
Balangda-See