Mangati und der Gurui-Berg.

Die Frage der Zuflüsse des Victoria-Nyansa hat besonders deshalb Interesse, weil sie unzertrennlich mit dem alten Problem der Nilquellen verbunden ist. — Durch Speke's ewig denkwürdige Reise ist dieses Problem entschieden seiner Lösung am nächsten gebracht worden. Mit der Entdeckung des Victoria-Sees und seines Hauptzuflusses des Kagera, den Speke Kitangule nennt und bei dessen Anblick ihn hoher Stolz erfüllte, sowie des Ausflusses des Nil, traten die Nilquellen aus ihrem undurchdringlichen Dunkel. Wenn auch noch Niemand dieselben erreicht hatte, so war es doch zweifellos, dass sie irgendwo zwischen Tanganyika und Victoria-See liegen mussten. Damit war die Frage, soweit sie ein historisches Interesse bot, gelöst, und mit Recht konnte in diesem Sinne Speke sein berühmtes Telegramm absenden: »The Nile is settled«.

Anders verhält es sich, wenn man die Frage vom rein geographischen Standpunkte betrachtet. Da ergiebt sich als zweifellose, von Speke selbst anerkannte Thatsache, dass der Kagera der Quellfluss des Nil, der Ursprung des Kagera also die Quelle des Nil ist. Die Wassermasse, die der Kagera dem See zuführt und die nur um ein Drittel geringer ist als jene des Murchison-Nil, die Bedeutung dieses Stromes, neben welchem alle anderen Zuflüsse vollkommen verschwinden, hat selbst bei den Eingeborenen die Ueberzeugung festgesetzt, dass der Kagera »die Mutter des Flusses von Jinja«, der Nil sei.

Auf dem Programm, welches Stanley für seine grosse Expedition 1874 entworfen, stand auch die Entdeckung der Kagera-Nil-Quelle. Mit der diesem grossen Forscher eigenen Thatkraft drang Stanley längs des Kagera, den er Alexandra-Nil nennt, aufwärts, war jedoch gezwungen an der Grenze von Urundi abzulenken und den Fluss zu verlassen. — »Ich bin mir wohl bewusst, dass ich nicht bis in die Tiefe eingedrungen bin« sagt Stanley an der betreffenden Stelle seines klassischen Reisewerkes. Bis 1892 wurde kein weiterer Versuch gemacht die Quelle des Nil zu erreichen und mit Recht konnte Reclus im 10. Band seiner »Nouvelle Géographie Universelle« sagen: »On cherche encore cette tête du Nil, comme au temps de Lucain, personne n'a eu la gloire de voir le Nil naissant.«

Am 19. September 1892 erreichte ich mit meiner Expedition die Quellen des Kagera-Nil und damit war das letzte Räthsel des alten Nilproblems gelöst. Wenn man überhaupt an dem von hervorragenden Geographen und Reisenden angenommenen Standpunkt festhält, dass der Kagera, der Alexandra-Nil der Engländer, der Quellfluss des Nil sei, so muss der Ursprung des Kagera folgerichtig auch als Quelle des Nil angesehen werden. Dass der Fluss, dessen Ursprung ich am 19. September erreichte, wirklich der Kagera-Nil ist, ergiebt sich aus folgender Thatsache.

Am Einfluss in den Ruayana-See (Windermere) besass der Kagera im März 1875, also während der höchsten Regenzeit, nach Stanley eine Breite von 45 m und eine Maximaltiefe von 15 m. An der Kitangule-Fähre, 200 Kilometer weiter stromabwärts, war der Kagera zur selben Zeit an 100 m breit und 17 m tief, während er in der trockenen Jahreszeit, wo ihn Graf Schweinitz 1892 an der Mündung befuhr, 80-100 m breit und durchschnittlich 8 m tief war. Nach Stuhlmann war der Kagera in der Regenzeit 1891 bei Kitangule 60 m breit und mehrere Meter tief. Obwohl die Einmündung eines noch unbekannten grossen Zuflusses auf der von Stanley rekognoszirten Strecke Ruayana-Kitangule ausgeschlossen, verdoppelt sich doch das Wasserquantum des Flusses auf dieser Strecke, durch Aufnahme der zahlreichen Bergwässer.

Oberhalb des Ruayana-See erforschte Stanley den Kagera, der 17 Seen durchfliesst und mit üppiger Wasservegetation[8] bedeckt ist, bis zu einer Stelle, die kaum 50 Kilometer von jener entfernt ist, wo ich den Kagera in Ussui überschritt. Stanley erkundete, an der Stelle wo er den Kagera verliess, dass derselbe oberhalb der Aufnahmestelle des Akanyaru ein Fluss von nicht sehr bedeutender Breite und Tiefe sei.

Bei der Ruanilo-Fähre, wo ich den Kagera überschritt, war derselbe Anfang September, also in sehr trockener Jahreszeit und bei ungewöhnlich niedrigem Wasserstand, ein reissendes Gewässer von 35 m Breite und 3 m Tiefe. Er besass steile, 3 m hohe Ufer und an Fluthmarken war deutlich zu erkennen, dass er dieselben in der Regenzeit ganz überschwemmt. Der Akanyaru wurde zur selben ungewöhnlich trockenen Jahreszeit überschritten und bestand aus zwei Armen, deren einer 10 m breit und 5 m tief, der andere 5 m breit und 1 m tief und langsam fliessend war. Auch hier zeigten weite Papyrusbestände und Fluthmarken an, dass der Akanyaru in der Regenzeit mindestens auf das Vierfache seines Wasserquantums anschwillt, was mir auch von Eingeborenen bestätigt wurde.

Bei dem ungeheuer raschen Anwachsen der Gewässer in jenem Gebiet, welches z. B. das Wasserquantum des Akanyaru in wenigen Kilometern verdoppelt, wie ich mich an den beiden Ueberschreitungsstellen überzeugen konnte, ist es völlig zweifellos, dass diese beiden Gewässer im Stande sind, das von Stanley in der Regenzeit am Ruayana beobachtete Wasserquantum zu liefern. Die Einmündung eines grossen Zuflusses, der etwa als Quellarm in Betracht kommen könnte, zwischen Stanley's südlichstem Punkt und meiner Ueberschreitungsstelle des Kagera ist also, wenn schon überhaupt mehr als unwahrscheinlich, so durch das Wasserquantum allein völlig ausgeschlossen. Der von mir überschrittene Fluss ist der Kagera-Nil nicht nur seiner Bedeutung nach, sondern auch im Volksmunde.

Der Kagera-Fluss führt in seinem Oberlauf, schon in der Breite von Ussui, den Namen Ruvuvu. Dieser Name bleibt ihm bis zu seiner Quelle, während die unbedeutenden Nebengewässer sämmtlich andere Namen führen. Bei solchen Strom-Quellen ist jedoch selbst in Europa stets der Volksmund entscheidend und muss es auch hier sein, besonders da er hier den thatsächlich wasserreichsten Flusslauf als Quellfluss benennt, was bei europäischen Flüssen nicht immer der Fall ist. Dass die Eingeborenen sich der Bedeutung des Kagera-Ursprunges wenigstens theilweise bewusst sind, bezeugt die abergläubische Scheu mit der sie die Stelle umgeben, wie denn der Kagera von der Quelle bis zur Mündung, in der Grant aus abergläubischen Gründen nicht lothen durfte, ein geheiligter Fluss, auch in diesem Sinne der »heilige Nil« ist.