Neben der Ansicht, welche den Kagera-Fluss als Quellarm betrachtet, kann noch jene in Betracht kommen, die den Victoria-See selbst als Quelle des Nil annimmt. Diese Annahme hätte Berechtigung, wenn der Victoria-See das Sammelbecken vieler kleiner, gleichartiger Gewässer wäre. Dies ist aber, wie wir oben gesehen haben, nicht der Fall, dem Kagera gegenüber sind alle Zuflüsse vollkommen unbedeutend; der Victoria Nyansa ist also nicht die Quelle des Nil, ebensowenig wie der Bodensee die Quelle des Rhein ist, obwohl auch dieser andere Zuflüsse als den oberen Rhein aufnimmt. Wenn englische Geographen, aus begreiflichen nationalen Gründen, neuerdings den Victoria-See als Nilquelle verfechten, so möchte ich daran erinnern, dass gerade die Engländer den Kagera stets »Alexandra-Nil« nannten und dadurch bezeugten, dass der Kagera eben für sie der Nil war.

Ausser dieser immerhin diskutirbaren Ansicht giebt es noch eine, die nicht die Quelle des Kagera, sondern den südlichsten Punkt des Nilsystems überhaupt als Quelle des Nil annimmt. Diese Ansicht ist deshalb eine vollkommen unerhörte, weil dieselbe bei keinem anderen Fluss der Welt Geltung hat. Es giebt sehr viele bedeutende Ströme, bei welchen die Quelle von Nebengewässern in Luftlinie weiter von der Mündung entfernt ist, als die des Hauptstromes, ohne dass letztere dadurch aus ihrer Stellung verdrängt wird. Wo freilich der Hauptstrom sich in ein Gewirre verschieden benannter Quellbäche auflöst, hat die Wahl des entferntesten als Hauptquelle Berechtigung, wo dies jedoch, wie beim Kagera, nicht der Fall ist, erscheint ein solches Verfahren gewaltsam und unberechtigt.

Von Reisenden hat, soviel mir bekannt, noch keiner diese unnatürliche Auffassung angenommen. So entdeckte Stanley im südlichen Unyamwesi Wasserläufe, welche, wie schon aus der Höhe vermuthet und durch meine Reise nachgewiesen wurde, nicht dem Nil, sondern dem Eyassigebiet angehören. Stanley konnte dies auf seiner Reise nicht wissen, sondern glaubte südliche Zuflüsse des Simiyu entdeckt zu haben. Obwohl diese, wenn sie wirklich dem Nilgebiet angehören würden, weitaus die südlichsten Gewässer desselben wären, glaubte Stanley doch nicht daran, die Nilquelle entdeckt zu haben, sondern strebte diesem Ziel durch Verfolgung des Kagera zu.

Die Annahme des südlichsten Punktes des Nilgebietes als Quelle des Nil muss also, als durchaus unbegründet, verworfen werden. Uebrigens ist auch für jene Theoretiker, welche doch daran festhalten wollen, die Nilquellfrage als gelöst zu betrachten. Denn die südlichsten Zuflüsse des Nil sind zweifellos jene Bäche, welche ich auf der Reise vom Tanganyika südostwärts in Süd-Urundi überschritt. Der äusserste, der Luvirosa, ein von Südwest herkommendes ½ m tiefes und kaum 3 m breites Bächlein, überschritt ich am 7. Oktober und verfolgte einen direkt von Süd kommenden Bach bis zum Ursprung, der sich nahe an der Wasserscheide gegen den Mlagarassi befindet. Es ist als sicher anzunehmen, dass die Quelle dieses Rinnsals unter ca. 3° 46´ s. Br. der südlichste Punkt des Nilsystems ist. Die Quelle des Luvirosa, deren beiläufige Lage mir von den Eingeborenen gezeigt wurde, muss, nach der Kammrichtung des Gebirges zu schliessen, etwas nördlicher liegen. An der Stelle, wo ich den Luvirosa überschritt, hatte derselbe fast genau dasselbe Wasserquantum, wie der Mswavula-Bach, den ich am 5. Oktober überschritt und bis zum Ursprung verfolgte. Derselbe war vom Ueberschreitungspunkt ca. 14 Kilometer entfernt und es ist daher sehr wahrscheinlich, dass der Luvirosa in gleicher Entfernung von der Ueberschreitungsstelle entspringt.

Der Grund, warum ich diesen Bach, dessen Ursprung man mir, wie gesagt, am Berghang zeigte, nicht bis zur Quelle verfolgt habe, lag einerseits in der untergeordneten Bedeutung, die ich der ganzen Annahme beilegte, andererseits in dem Umstand, dass mir nicht bekannt war, dass ich im Begriffe stand, das Nilgebiet zu verlassen. Aber auch wenn ich mir die Mühe gegeben hätte, den Luvirosa und alle seine Nebenrinnsale zu verfolgen, so würde dies doch zwecklos gewesen sein, denn die Differenz, um die es sich handeln kann, ist sicher nicht grösser als einige Kilometer, also so klein, dass sie innerhalb der Fehlergrenzen der topographischen Aufnahme fallen, wie sie ein Forschungsreisender auszuführen im Stande ist. Künftigen Generationen, die vielleicht eine Mappierung von Urundi ausführen, wird es vorbehalten sein, den mathematisch südlichsten Punkt des Nilgebietes auszufinden. Sehr wahrscheinlich wird sich der Ursprung des von mir verfolgten Baches als solcher erweisen, vielleicht auch der eines anderen, ja bei den gewundenen Läufen dieser Gebirgswässer ist es nicht unwahrscheinlich, dass irgend ein Lauftheil am südlichsten liegt, der also dann, nach der Theorie des »südlichsten Punktes«, als Quelle des Nil zu betrachten wäre, eine Möglichkeit, welche das absurde der ganzen Annahme darlegt.

Wie immer man über das Nilquell-Problem denken möge, soviel ist sicher, dass durch die Massai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-Komite die letzten Schleier desselben gelüftet wurden, — dass das »Caput Nili Querere« von nun an endgiltig der Vergangenheit angehört.

Fern sei es von mir, den Ruhm eines Speke zu schmälern, jenes kühnen Forschers, der das Dunkel, welches über der Nilquelle lag, mit einem Schlage gelichtet. Seiner und Stanley's Pionierarbeit verdanke ich es ja vor Allem, wenn es mir gelungen ist, ihre Pfade weiter verfolgend, als erster Weisser die Quelle des Nil zu schauen.

Von der Nilquelle zu reden ohne die Mondberge zu erwähnen scheint unmöglich, ist es doch in neueren Afrikawerken geradezu Mode geworden, deren Lage mit Beigabe von allerlei alten Karten zu erörtern. Der Streit, ob dieser oder jener Berg mit dem ptolemäischen Mondberge gemeint sei, scheint mir jedoch ein ziemlich müssiger, da er bei den Alten eine genaue Kenntniss der innerafrikanischen Geographie voraussetzt, welche sie kaum besessen haben.

Wie weit die Beziehungen der alten Egypter nach Innerafrika reichten ist allerdings nicht leicht abzusehen. Jedenfalls ist die Behauptung Stuhlmanns[9], dass ihre Kenntniss des Nil nur bis Wadi Halfa gereicht habe, durchaus irrig und steht im Widerspruch mit dem Ergebniss der egyptologischen Forschung. Am Berge Barkal, also weit oberhalb Wadi Halfa fand Lepsius[10] Tempelruinen, deren älteste aus der Zeit Amenhotep III. (ca. 1500 v. Chr.) stammen. Inschriften, die auch von Brugsch[11] vielfach citirt werden, gaben auf den Denkmälern vom Barkal-Berge Auskunft über jene aethiopischen Pharaonen, die als 25. Dynastie eine Fremdherrschaft in Egypten ausübten.

Weiter südlich, zwischen Nil und Atbara, fand Lepsius die ausgedehnte Ruinenstätte von Meroë mit zahlreichen Pyramiden und am blauen Nil, also oberhalb Chartum beim Dorfe Soba, traf derselbe Forscher[12] eine Statue des Osiris. Dass sich weiter südlich noch keine Denkmäler gefunden haben, kann keineswegs als Beweis angeführt werden, dass den alten Egyptern diese Länder nicht bekannt waren. Denn auch in vielen asiatischen Landschaften, die sie auf ihren Kriegszügen oder Razzias nachweisbar berührten, finden sich keine egyptischen Baureste. Es kann im Gegentheil als erwiesen gelten, dass die Egypter bis tief in den Sudan vorgedrungen sind. Senaar (Essi-n-arti-Flussinsel, nach Brugsch) war ihnen bekannt und ist vielleicht mit dem Reiche Alo oder der Landschaft Asmak identisch, in welcher Psametik egyptische Soldaten ansiedelte. Punt, das Somaliland, wird schon in der ältesten Zeit genannt und eine Landschaft Gureses, die auf den Siegestafeln Tothmes III. (1600 v. Chr.) fungirt, identificirt Brugsch mit Kassala[13]; während derselbe Forscher in den Volksstämmen der Kar oder Kal die heutigen Galla sieht. Aus den geographischen Angaben der altegyptischen Urkunden, die uns besonders Dümichen zugänglich gemacht, liessen sich noch zahlreiche Beweise dafür anführen, dass die alten Egypter im Sudan thatsächlich festen Fuss gefasst hatten. Wie weit von dort aus der Einfluss der egyptischen und der verwandten aethiopischen Kultur bis ins Innere des Kontinents reichte ist heute noch nicht abzusehen. Erst das vergleichende Studium der ethnologischen Belegstücke mit jenen der altegyptischen Kultur scheint geeignet darüber Klarheit zu verbreiten. Jeder, der Innerafrika kennt und unbefangen die Darstellungen der Denkmäler betrachtet, wird unwillkürlich von der erstaunlichen Aehnlichkeit betroffen, welche viele altegyptische Waffen und Geräthe mit solchen Centralafrika's bieten. Besonders die Abbildungen der schwarzen unterworfenen Völker mit ihrer eigenartigen Haartracht zeigen überraschende Analogien.