Jedenfalls ist es zweifellos, dass die alten Egypter mit den Stämmen des innersten Afrika's in Berührung traten. Ob diese direkt oder durch importirte Sklaven[14] und Sklavenhändler geschah, scheint von untergeordneter Bedeutung. Jedenfalls hatten sie Gelegenheit sich Kenntnisse über das Quellland des Nil zu erwerben und haben solche auch thatsächlich besessen. Die »Quelle« des Nil bei der Insel Philae wurde im rein symbolischen Sinne aufgefasst, wie auch von Egyptologen wie Dümichen und Lauth[15] anerkannt wird. Letzterer nennt die Quelle bei Philae (Elephantina) einen Quasi-Ursprung, und citirt einen egyptischen Geographen Asamon, der schon in früherer Zeit wusste, dass der Nil aus einem See kam. Auch die bekannten Angaben von Herodot, Diodor und Aristoteles von den Nilsümpfen und Pygmäen, die ja nur aus egyptischen Quellen entsprungen sein können, beweisen uns, dass die Alten von jenen Ländern Kenntnisse besassen. Diese wurden zur Zeit des Ptolemäus ergänzt und erweitert und gaben Nachricht von der Existenz von Seen und schneebedeckten Gebirgen, aus welchen der Nil entspringt.

Die Gesammtheit dieser Gebirge und nicht ein einzelner Berg, war das Mondgebirge und nur die Frage scheint interessant, wie die Alten gerade auf diese Bezeichnung kamen. Die Erklärung, dass Gebel Kamar, Mondberg, zugleich silberner, weisser Berg bedeutet, hat schon Beke widerlegt. Denn sie setzt selbstverständlich voraus, dass Ptolemäus den Namen von den Arabern übernommen und unrichtig übersetzt habe. Nun ist aber das arabische Wort Kamar (Mond), welches allein mit Komr (weiss) verwechselt werden konnte, verhältnissmässig jüngeren Datums und kommt erst im Koran-Arabisch vor. Im hymyarischen, welches zu Ptolemäus und Marinus von Tyrus Zeiten gesprochen wurde, heisst der Mond »warkh«, was eine Verwechslung ausschliesst. Auch nennen die Inder, in deren geographischen Werken das Nilquellgebiet ebenfalls erwähnt wird, die Berge offenbar nach griechischer Quelle Somagiri (Mondberge). Ob allerdings das »Monemugi«, welches Pigafetta und Giovanni Botero im 16. Jahrhundert in Westafrika erkundeten, irgend etwas mit den ostafrikanischen Mwesi-Ländern zu thun hat, scheint mir sehr zweifelhaft.

Jedenfalls ist das Auftreten der Bezeichnung Mwesi, Mond, in den fraglichen Gebieten in hohem Grade auffallend. Schon Reichard hat auf diesen Umstand hingewiesen und Unyamwesi, das Mondland, geradezu mit den Mondbergen identifiziert. Diese Theorie ist jedoch deshalb irrig, weil der Name Unyamwesi, wie ich nachweisen konnte, kein nationaler, sondern von Küstenleuten und Arabern dem Lande beigelegt ist. Nach der arabischen Geographie vermutheten sie dort ein Mondland und nannten das Land Unyamwesi, ähnlich wie die Salomons-Inseln so getauft wurden, weil man in ihnen das Ophir Salomons zu erkennen glaubte. In Urundi jedoch tritt der Name Mwesi, den schon Burton[16] erkundete, als einheimischer, als Titel des alten Herrschergeschlechtes auf. Dass dieses Wort wirklich »Mond« bedeutet und nicht etwa eine Abart der verbreiteten Bantuform für Häuptling Munyi, Bena u. s. w. ist, ist zweifellos. Denn einerseits ist diese Form im Kirundi durch »Mwami« (Herrscher), die auch im Kiganda auftritt, vertreten, anderseits wurde mir stets ausdrücklich versichert, dass Mwesi »Mond« bedeute und dass das Königsgeschlecht vom Mond herstamme. Mwesi makisavo, der bleiche Mond hiess der letzte Herrscher, mit welchem ich identificirt wurde.

Es liegt mir fern zu behaupten, dass die Missosi ya Mwesi, welche ich an der Quelle des Nil fand, mit den Mondbergen der Alten identisch seien. So sehr diese Bezeichnung mich auch überraschte, so ist es doch mehr als unwahrscheinlich, dass die Alten von dieser Lokalität Kenntniss hatten.

Etwas Anderes ist es, wenn man ganz Urundi in Betracht zieht, das heute noch bei allen Nachbarstämmen Charo cha mwesi, Mondland, heisst. Was der Name Mwesi dem Lande bedeutet, mag aus der Beschreibung der Reise hervorgehen. Darf man nun nicht annehmen, dass dieser Mwesi, dessen blosse Nennung heute noch ruhige Ackerbauer in rasende Fanatiker verwandeln kann, einst noch grössere Bedeutung hatte und dass sein Reich weite Striche im Nil-Quellgebiet umfasste? Ist es undenkbar, dass die Alten, die von den Pygmäen und Nilseen hörten, nicht auch durch dunkle Negergerüchte von diesem »Mondland« vernahmen und nach demselben die Gebirge, aus welchen der Nil seine Wasser sammelt, »Mondgebirge« nannten? —

Wenn wir, zur geographischen Beschreibung zurückkehrend, die Gebiete westlich vom Victoria-Nyansa überblicken, so finden wir dieselben erfüllt von vorherrschend meridional streichenden Gebirgszügen, die als centralafrikanisches Schiefergebirge zusammengefasst werden können. Dieselben tragen theils den Charakter durch Erosion vielfach zerrissener Plateaus, theils gliedern sie sich in Kammgebirge. Im Gegensatz zu Unyamwesi ist der Typus der ständig fliessenden Gewässer hier der normale, und periodische Wasserläufe kommen nur vereinzelt vor.

Durch die Wasserscheide zwischen Nil und Kongo ist das Gebiet in zwei klimatisch recht wesentlich unterschiedene Hälften getrennt, von welchen die nördliche, das Nilgebiet, aus wasserreichen Höhen, die südliche, das Gebiet des Mlagarassi, aus trockenen, in ihrem Charakter vielfach an Unyamwesi erinnernden Gebieten besteht.

In hydrographischer Beziehung betritt man, vom Victoria-See kommend, erst das Gebiet des Urigi-Sees, der zeitweise einen Abfluss in den Nyansa besitzen soll und gelangt dann in das Kagera-Nilgebiet.

Von Urundi und Ruanda strömen dem Kagera zahlreiche Bäche zu, darunter auch der ansehnliche Akanyaru, der als wildes Bergwasser in den Missosi ya Mwesi unweit der Nilquelle entspringt und dann in breitem, papyrusreichen Thal, die Grenze zwischen Ruanda und Urundi bildend, gegen Nordost fliesst.

Bekanntlich fungirte der Akanyaru fast zwanzig Jahre lang als »Alexandra-Nyansa« auf den Karten. Stanley hatte nämlich in Karagwe und Ussui von der Existenz eines Nyansa ya Akanyaru gehört und darin sehr begreiflicher Weise einen See vermuthet. Nach meinen Erfahrungen bezeichnen die Eingeborenen jener Striche jedes Gewässer als Nyansa, während der Name für See »Tanganyika« lautet. So wurden mir der Victoria- und Albert-Edward-See als »Tanganyika« bezeichnet, selbst der Urigi-See war für die Leute von Ruanda ein »Tanganyika«. Stets wurde mir versichert, dass ein solcher »Tanganyika«, also ein See, in Ruanda nicht existiere. Nyansa ya Warongo, zweifellos identisch mit dem »Mworongo« Stuhlmanns, ist ein Nebenfluss des Akanyaru. Nach allem, was ich erfuhr, scheint mir die Existenz irgend eines namhaften Seebeckens im Nilquellgebiet so gut wie ausgeschlossen. Das einzige Gewässer, über dessen Charakter ich verschiedene Angaben hörte, ist der Kifu, den die einen »Nyansa« (Fluss), die anderen »Tanganyika« (See) nannten. Alle stimmten jedoch darin überein, dass er südlich von den Mfumbiro-Bergen liege und einen Abfluss nach dem Russisi habe, also nicht mehr dem Nilgebiet angehört. Vielleicht ist er mit dem Oso-See Stanleys identisch.