Massai-Knabe.

Mehrere der Stämme des abflusslosen Gebietes werden hier zum ersten Mal genannt, von den meisten anderen kannte man nur den Namen, ohne von ihrer Lebensweise und ihrer ethnographischen Zugehörigkeit auch nur das Geringste zu wissen, da kein Reisender dieselben vorher gesehen hatte.

Dies ist allerdings nicht bei jenem Stamme der Fall, der dem ganzen Gebiete gewissermaassen seinen Stempel aufgedrückt hat, bei den Massai. Gründliche Forscher, wie Krapf, Dr. Fischer, Thomson und v. Höhnel, haben diesen Stamm in seinen nördlichen Wohnsitzen kennen gelernt und bei der ausserordentlichen Einheitlichkeit der Massai haben die Beschreibungen die sie entworfen im Allgemeinen auch für unser Gebiet Geltung. Dabei haben diese Forscher die Massai in ihrer Glanzperiode gesehen, während ich auf der letzten Reise sie im tiefsten Elend fand.

Wenn ich dennoch nachfolgend eine Beschreibung dieses merkwürdigen Hirtenvolkes gebe, so geschieht dies, weil ich durch monatelangen, täglichen Verkehr mit den Massai-Hirten der Expedition, sowie durch einen selten vorzüglichen Dolmetsch in der Lage war, manches zur Ergänzung der Berichte obengenannter Reisenden zu erfahren.

Die Massai-Völker zerfallen in zwei Gruppen, die Mbarawui, von den Küstenleuten Wakuavi genannt und die Massai im engeren Sinne. Die Sprache der beiden Stämme ist dialektisch verschieden, auch finden sich Unterschiede in den Sitten und vor Allem ist das Stammesbewusstsein beider Völker so stark ausgeprägt, dass eine Unterscheidung derselben berechtigt erscheint. Der Swahíli-Name »Mkuavi« wurde mir von einem gleichnamigen hohen Laubbaum mit rothen Früchten abgeleitet, der in Bondeï und im Hinterlande von Mombas gedeiht und von den Waschambaa Mambia genannt wird. Nach diesem Baum benannten die Küstenleute die hochgewachsenen Mbarawui, das erste Massai-Volk mit dem sie in Berührung kamen.

Die Nachrichten, welche ich über die Kämpfe dieser beiden Stämme erfuhr, lassen sich so ziemlich mit den von Thomson erkundeten in Einklang bringen.

Die Mbarawui sassen ursprünglich zu beiden Seiten des Pare-Gebirges und wohl auch in der Kiwaya-Steppe, von wo aus sie das Küstengebiet zu verheeren pflegten. Die Massai lebten am Manyara-See, in der Sogonoi-Gegend, in Kisongo und nordöstlich vom Kilimanjaro bis Ukambani hin. Nach Thomson litten die Wakuavi sehr unter Dürre und hatten sich eine Niederlage von den Wagogo geholt. Wie man mir mittheilte, drängten die von Süden kommenden Wambugwe auf die Massai und vertrieben sie vom Manyara. Mag nun dieser, oder ein anderer Grund als Veranlassung gedient haben, genug, die Massai bekriegten die ohnehin geschwächten Wakuavi und vertrieben sie aus ihren Wohnsitzen. Ein Theil wurde versprengt und fand in Usegua, Unguu sowie im Pare-Gebirge (als Wambugu) eine Zuflucht als halbansässige Viehzüchter oder schloss sich den Bantu-Ackerbauern von Taveta, Kahe, Ober- und Unter-Aruscha an. Der grösste Theil der Wakuavi zog jedoch nach Nguruman, wo damals noch keine Massai lebten. Dort theilten sie sich: eine Abtheilung besiedelte Ndare Serian (Friedens-Schaf) am Ngare dabash, die andere die Gegenden am Naivascha-See, vor Allem Guas Ngischu. Dort fand der von Thomson erwähnte Verzweiflungskampf mit den Massai statt. Besiegt zog die Hauptmasse der Guas Ngischu-Wakuavi nach Leikipya, dem »Neuland«, wo sie mit der Zeit wieder grosse Macht erlangten. Andere schlossen sich den Bantu (Wassegeju) von Nguruman und Sonyo, andere den, wahrscheinlich den Kamassia verwandten Urbewohnern von Njemps am Baringo und den Kavirondo an. Theilweise gingen sie in diesen Ackerbaustämmen auf, nicht ohne denselben in Tracht und Sitten, vielfach selbst in der Sprache ihr Gepräge aufzudrücken. Auch in Ngoroïne findet man zahlreiche angesiedelte Wakuavi.

Erst nach Verdrängung der Wakuavi aus Guas Ngischu besiedelten die Massai das Plateaugebiet, Mutier, Ndasekera und Serengeti, die ursprünglichen Wohnsitze der Wataturu.

Das weite Massai-Land, welches früher der ungeheuere Weideplatz der Massai-Heerden war, ist jetzt in verschiedene Distrikte wie Kiwaya, Simangiro, Mutyek u. s. w. getheilt, deren jeder ein bestimmtes Schildwappen führt, an dem sich die Krieger erkennen. Innerhalb der einzelnen Distrikte sind stets fast alle Massai-Stämme vertreten, die als mehr oder weniger vornehm gelten und wahrscheinlich noch aus der unbekannten Urheimath der Massai stammen. So giebt es überall Vertreter der Stämme Muleïlyan, Leisseri, Leitoyo, Mamasita, Mágesen, Marumwai, Lugumai, Maguveria und des Schmiedestammes der Elkonono, die ebenfalls Massai sind, aber von den anderen verachtet werden.