Die Plateaulandschaften südwestlich vom Gurui-Berg, bis gegen Ugogo hin, bewohnt ein anderer Bantu-Stamm, die Wanyaturu, d. i. Leute von Turu. Dieselben leiten ihre Abkunft vom Gurui-Berg her, sind aber jedenfalls schon sehr alte Ansiedler. In vieler Hinsicht weisen sie Aehnlichkeit mit den Waschaschi im östlichen Nyansa-Gebiet, besonders aber mit deren ursprünglichsten Vertretern, den Wakara von Ukara auf. Jedenfalls gehören die Wanyaturu zu den tiefststehenden Bewohnern des abflusslosen Gebietes, was besonders auffällt, wenn man aus dem Innern, aus Unyamwesi kommt, wo die Kulturstufe eine ungleich höhere ist.
Die Wanyaturu sind kräftige, hochgewachsene Leute, ziemlich dunkelfarbig und von recht reinem Negertypus, der im Allgemeinen dem der Wanyamwesi gleicht. (Abb. Taf. 13 und pag. 110.) An Hamiten erinnernde Gesichtszüge sind selten und wohl nur bei Nachkommen eingewanderter Wataturu zu finden. Die Männer gehen vollkommen nackt und scheinen nicht das geringste Schamgefühl zu kennen. Um die Hüften tragen sie zahlreiche, festsitzende Bastschnüre, um die Knöchel Glasperlen oder Lederschnüre. Beide Geschlechter sind beschnitten. Die Männer tragen die Haare meist kurz, manchmal mit einer Feder am Scheitel. Seltener drehen sie kleine Zöpfchen, die sie mit Fett festigen, oder tragen, wie die Wanyairamba, dünne, lange Haarzöpfchen, die nach hinten hängen. Die Weiber tragen Lederlendenschurze und rasiren den Schädel, ältere Leute schlingen manchmal ein Stückchen Zeug um die Hüften.
Die Wanyaturu gelten mit Recht als boshaft. Wildheit und Hass alles Fremden bildet den Grundzug ihres Charakters der durch politische Zerfahrenheit des Landes noch verschärft wird.
Wanyaturu-Ehepaar.
Ihre Wohnungen bestehen aus rechtwinkelig angeordneten, etwa brusthohen und ca. 4 m breiten, sehr ärmlichen Temben. Der rechte Winkel ist durch einen innen mit Stachelgestrüpp geschützten niedrigen Zaun von buschigen Euphorbien abgeschnitten, wodurch der dreieckige Viehhof gebildet ist. Manchmal zieht sich eine Euphorbienhecke um einen Komplex solcher Temben. Das Innere der Temben ist in dunkele, räucherige Kammern getheilt, der Boden stellenweise vertieft. Neben den Temben graben sie unterirdische Schutzlöcher, höhlen auch oft Baobabs aus um sich darin zu verbergen.
Der Ackerbau beschränkt sich auf Sorghum und Eleusine. An Hausthieren werden Rinder, Ziegen, Schafe, Esel, Hühner und Hunde gehalten. Sie gewinnen Salz aus dem Singisa-See, welches sie den Wanyamwesi von Ussure verkaufen, sonst verkehren sie fast nur mit den Wassandaui, in deren Land sie öfters auswandern.
Sie benutzen Hacken mit Holzklingen, die jedoch nur zum Umackern der Aussaat dienen. Sonst benutzen sie Eisenhacken aus Unyamwesi. Ihre Waffen sind Speer, Schild, Bogen und Pfeil. Die Speere gleichen jenen der Wambugwe, sind reine Wurfspeere mit eingelassener Spitze, doch mangelhaft angefertigt. Die Schilde sind kreisrunde, schwarze Lederschilde mit einem Buckel in der Mitte. Bogen und Pfeil werden nur von alten Leuten gebraucht. Sehr charakteristisch sind die Stockschilde und Schlagstöcke, die zu Stockgefechten dienen. (Abb. Tafel 13.) Die ersteren sind an einen langen Stock befestigt, die letzteren einfach dicke Prügel, welche die Wanyaturu stets bei sich führen. Die Sitte der Stockkämpfe findet sich auch in Schaschi. An letztere Landschaft erinnert auch ein Saiteninstrument der Wanyaturu.
Pfeilspitze, Wanyaturu.