EINES DER MÄDCHEN nachdem (erst alle verlegen geschwiegen). Sie ist zu Karl[4] nach Neapel.
DER PAPST. Wie? Geht Ihr auch zu Unsern Feinden über?
Der Papst mit seinem Gefolge zieht sich wieder nach links zurück, wo es sich, wie früher, auf Taburetts und Kissen gruppiert; Lucrezia auf dem Schoß ihres Vaters, von diesem geschmeichelt; Diener stellen die großen, dreiarmigen, helles Licht verbreitenden Kandelaber, die früher auf der Tafel stunden, in die Mitte des Saales auf den Boden. Auf ein Zeichen durch Klatschen in die Hände werfen die Mädchen die Gewänder ab; päpstliche Diener, hinter den Herrschaften stehend, werfen aus Körben über die Köpfe der Zuschauer hinweg Kastanien in die Mitte des Saales, auf die sich die Mädchen stürzen und sich um sie raufen. Helles Gelächter. Es bildet sich ein Kreis um die auf dem Boden kämpfenden Mädchen. Auch von der Galerie, wo sich inzwischen das Volk wieder zusammengedrängt hat, erschallt lautes Gelächter. Sobald eine Ration Kastanien aufgelesen ist, welche die Courtisanen nach rechts neben ihre Gewänder sorgfältig auf einen Haufen legen, werden neue Kastanien aufgeworfen und der gleiche Kampf beginnt von neuem.—Eines der Mädchen, dessen Haare alle aufgelöst sind, kommt einem der Kandelaber zu nahe und fängt Feuer. Der Papst springt auf—während Lucrezia zu Boden gleitet—und erstickt das Feuer mit seinen Gewändern.
DER PAPST (als sich zeigt, daß die Kleine keinen Schaden gelitten, züchtigt sie mit der Hand). Diesmal, Du Schlingel, konntest Du die Reise ins Jenseits antreten! (Lachen).
DIE COURTISANE. Du hättest mich im Fegfeuer nicht länger brennen lassen als hier, santo papa! Erneutes Gelächter, in das der Papst miteinstimmt.
Als die Kastanien alle verteilt, wird gezählt, und je nach der Zahl der gesammelten an die Mädchen Preise verteilt. Ein neues Musikstück beginnt, und die Diener reichen Erfrischungen. Laute Unterhaltung im ganzen Saal, vornehmlich über die Qualitäten der Mädchen..
Als das Musikstück schweigt:
DER PAPST (klatscht aufs neue in die Hände). Jetzt laßt unsere Athleten herein.
Auf der andern Seite der Galerie treten von hinter einem Vorhang zwei nackte kräftige Männer ein, die zu den Mädchen geführt, sich an deren Anblick berauschen, um dann, auf ein weiteres Zeichen, den Zweikampf zu beginnen[5]. Alles drängt sich um das Schauspiel unter Aufmunterungen und Beifalls-Zeichen. Auch die Mädchen verfolgen mit allem Interesse den Kampf. Als der Sieger seinen Gegner unter lautem Beifall geworfen, tritt er auf die Courtisanen zu, wählt sich unter Scherzreden aller Anwesenden die Schönste und verläßt mit ihr den Saal. Der Unterlegene geht allein fort. Darauf betritt ein zweites Paar den Saal.—Die Aufregung unter den Zuschauenden steigert sich von Minute zu Minute. Beifallsworte und aufstachelnde Bemerkungen werden mit immer größerer Teilnahme und Leidenschaft dazwischen geworfen.—Als der fünfte seinen Gegner unter lautem Geschrei und Beifallsklatschen geworfen, und er eben seine Wahl trifft, ertönt in tiefernsten, tragischen Tönen vom Innern der Kirche der Schlußgesang der Vesper.
VENI SANCTE SPIRITUS [6]