»Wer fährt mit uns?« ruft er, »zu viel Luft und Platz darf man meiner Frau natürlich nicht wegnehmen – bei ihrem Zustand, aber für eine Person ...«
Herr Sadis verbringt seine ganze freie Zeit damit, die heiligen Rechte seiner Frau auf Luft und Platz zu verteidigen.
Kitty lacht ihn aus; ihr Vater, dem, wie allen beinahe bankerotten Geschäftsleuten, fremdes Geld imponiert, erteilt ihr einen Verweis; Herr Sadis schneidet Gesichter, worauf man sich schließlich dahin vereinigt, daß die vier unverheirateten Damen in Emma Beckers Landauer, oder vielmehr in dem Landauer, den der Onkel, bei dem sie zu Gast ist, ihr geborgt hat, fahren sollen, und daß Herr Wißmuth, als der am wenigsten Luft und Platz Raubende, sich dem Ehepaar anschließt.
* * *
»Auf was warten wir denn eigentlich?«
Es ist Herr Wißmuth, der diese Frage stellt. Die Jubelkantate ist längst vorüber. Kitty hat inmitten ihres Parts plötzlich angefangen zu lachen, was der Erhabenheit des Eindrucks etwas Eintrag gethan. Der angejubelte Hausherr hat sich aber sofort bereit erklärt, den Lachkrampf Kittys als eine Nervosität zu bezeichnen, und war tief gerührt von der Aufmerksamkeit. Die Gäste sind alle versammelt und stehen in der mit alten Bildern und Waffen ausgeschmückten Vorhalle des Schlosses, die während der guten Jahreszeit als Empfangsraum benutzt wird, auf das Zeichen harrend, daß angerichtet ist.
Etwa zwanzig Personen sind's; ein paar Offiziere aus Hanau und Homburg, eine Gutsbesitzersfamilie aus der Umgebung, der Rest Frankfurter, lauter wohlerzogene, sehr gut gekleidete, etwas zur Korpulenz neigende, fabelhaft reiche Leute, die alle sehr stolz darauf scheinen, Frankfurter zu sein. Man ist etwas vor der angesagten Dinerstunde gekommen, um den neuen Besitz Herrn Försters genau in Augenschein zu nehmen, sämtliche Räume mit ihm zu begehen und ihm Ratschläge betreffs der Ausschmückung derselben zu erteilen; jetzt hat man das Vergnügen ausgenossen. Man weiß nicht recht, was mit sich anzufangen.
Es ist sechs Uhr, man fängt an hungrig zu werden; am hungrigsten ist Herr Wißmuth, besonders deshalb, weil er ahnt, daß seinen Gaumen ein sehr großer Genuß erwartet. Herr Sadis steht neben dem Lehnstuhl, in dem sich seine hübsche, starke, rotblonde Frau ausgestreckt hat, und verteidigt wie gewöhnlich ihre Rechte auf Luft und Platz gegen jeden unbefugten Eingriff. Emma Becker sitzt zwischen zwei tadellos gekleideten Frankfurter Dandies und befleißigt sich, selbe eifersüchtig gegeneinander zu hetzen. Kitty sitzt mit einem ellenlangen Gesicht in einer Ecke allein und hat Lust zu weinen. Der Hausherr steht inmitten seiner Gäste und hält eine Abhandlung über moderne Kulturbedürfnisse und die Verbesserungen, welche er in Ulmenhof einzuführen gedenkt, wobei er nach Kitty schielt.
»Sie können sich gar nicht denken, wie mir zu Mute ist!« seufzt Hildegard Anna Marie von Hohleisen zu, an welche sie sich vielleicht nur aus dem Grunde geklettet hat, weil Anna Marie ihr als die einzige ebenbürtige Persönlichkeit unter den Anwesenden erscheint; denn, wenn Hildegard von Mühlhausen auch über alles mögliche erhaben ist, über Standesvorurteile ist sie's nicht. Sie spricht das Wort freilich »Standesüberzeugungen« aus.
»Sie können sich nicht vorstellen, wie mir zu Mute ist!« klagt sie. »Ich bin eine nahe Verwandte der Altenrieds, meine ganze Kindheit habe ich in Ulmenhof verbracht, denken Sie sich in meine Lage hinein!«