Fräulein von Hohleisen versucht teilnehmend auszusehen, sieht aber nur zerstreut aus, was daher rührt, daß sie, anstatt sich in Hildegard von Mühlhausens Lage zu versetzen, sich mit der Beobachtung des Hausherrn beschäftigt, der während der langen Schloßbesichtigung Kitty durch auffallende Huldigungen ausgezeichnet hat. Er ist ein Mann mit einem breiten Nacken und einem roten vollen Gesicht, dessen ziemlich regelmäßige Züge durch einen Ausdruck latenter Roheit verunstaltet sind, etwa sechsunddreißig Jahre alt, groß, mit einer schwerfälligen, aber nicht von Comptoirbeschäftigungen beeinflußten Erscheinung. Als sehr junger Mann durch den Tod seines Vaters von jeglichem oberherrlichen Zwang befreit, hat er sich damals sofort vom Geschäft zurückgezogen, um das Leben zu genießen, und er hat es offenbar genossen bis auf die Neige. Dabei macht er einen sehr robusten, keineswegs abstrapazierten Eindruck, den Eindruck eines Menschen, der sich vieles gegönnt, nie etwas zum Fenster hinausgeworfen, der mit allem Haus gehalten hat, selbst mit seiner Gesundheit. Jetzt hat er das Leben hinter sich und scheint den Zeitpunkt günstig zu finden, eine Familie zu gründen und seine Junggesellenschiffe zu verbrennen.
Kitty gefällt ihm offenbar sehr, aber sein Gefühl für sie ist dasselbe, wie er es für so und so viele hübsche Tänzerinnen und Schauspielerinnen empfunden hat, nur ist er bereit, für ihren Besitz einen bedeutend höheren Preis zu zahlen. Summa Summarum ist er Anna Marie außerordentlich unsympathisch und dieselbe hat bereits längst entschieden, daß er nichts weniger als ein passender Lebensgefährte für ihren Liebling wäre.
»Aber auf was warten wir denn eigentlich,« wimmert Herr Wißmuth mit immer kläglicherer Betonung.
Diesmal hat der Wirt seine Frage gehört. Er zieht seinen tadellosen Chronometer und stellt etwas mißliebig fest, daß es bereits ein Viertel nach sechs geworden ist.
»Wir warten auf Altenried,« erklärt er hierauf in einer runden volltönenden Stimme, der Stimme eines Menschen, der sich sein lebenlang sehr wichtig vorgekommen ist. »Er hat mir keine Absage geschickt, infolgedessen kann ich nicht anders, als annehmen, daß er noch kommen wird.«
»Habe Sie de – Alteried eingelade?« fragt eine ziemlich umfangreiche Dame mit einem tiefen, herzförmigen Ausschnitt in einem burgunderroten Atlaskleid und mit sechs Reihen Perlen um den Hals. Sie heißt Frau von Manz, war einmal eine berühmte Schönheit und ist ebenso bekannt für ihren gemütlichen Frankfurter Dialekt, wie für ihre Bundestagsabenteuer und die unermüdliche Betriebsamkeit, mit der sie, jedem Widerstand Trotz bietend, auf der socialen Leiter eine Sprosse nach der anderen erklimmt. Sie modelt ihr Benehmen nach dem der Königin von Preußen, der sie ähnlich zu sehen glaubt. Ihre majestätische Haltung steht in ebenso komischem Widerspruch mit ihrem gemütlichen Dialekt, wie ihr Frankfurter Bürgerstolz mit ihrer Sehnsucht nach Hofluft.
»Ja, gnädige Frau, da ich mit Altenried im Verkehr stehe, ist das wohl selbstverständlich,« versichert Herr Förster. Sein Mienenspiel drückt bei diesen Worten eine großartige Bescheidenheit aus, so beiläufig, als ob man ihn mit Gewalt gezwungen hätte, eine verdienstvolle Handlung einzugestehen.
»Wie kommt er denn eigentlich in die Gegend?« fragt Frau von Manz weiter, indem sie sich mit einem stark klappernden Fächer Kühlung zuweht.
»Er ist bei seinem Vetter, dem Grafen Solingen in Ilmenau, zu Besuch,« erklärt Herr Förster.
»Und warum habe Se de Solinge nicht auch eingelade?« fragt die ehemalige Bundestagskoryphäe ziemlich indiskret.