»Sie haben sich etwas verspätet,« bemerkt Herr Förster mit würdiger Zurechtweisung, und Herr Wißmuth setzt witzig hinzu: »Sind wahrscheinlich zu Fuß gegangen, Herr Baron.«

Der junge Mensch errötet ein wenig. »Sie haben's erraten,« sagt er ruhig.

»Nun, da müssen Sie ja todmüde sein!« bemitleidet ihn Herr Förster, »zwischen Ilmenau und Solingen liegt ja eine ganze Provinz.«

»Ach, lumpige zwei Stunden, für einen Infanteristen ist das nichts,« entgegnet Altenried; »wenn ich mich nur bald genug auf den Weg gemacht hätte, aber ich erfuhr erst im letzten Moment, daß das Reitpferd meines Vetters krumm sei, mit den Wagenpferden war er am Morgen nach Frankfurt gefahren. Ich bitte sehr, meine Unpünktlichkeit zu entschuldigen.«

»Es ist Ihnen unter den Umständen als hohes Verdienst anzurechnen, daß Sie überhaupt gekommen sind,« sagt Herr Förster in einem Ton, daß es Altenried in den Händen juckt. Da begegnen seine Augen dem Blick Kittys! Was für ein Blick! zärtlich, empört, begeistert, kindlich unbefangen! Es war doch der Mühe wert, zwei Stunden zu Fuß zu gehen für diesen Blick!

Indem meldet der Kammerdiener, daß angerichtet ist. Herr Förster führt die Rheinweinkönigin zu Tisch und fordert Herrn von Altenried auf, Fräulein von Hohleisen seinen Arm zu bieten. Arme Kitty! Sie beißt sich die Lippen. Ehe sie sich dessen versieht, hat sie sich am Arm eines der beiden Frankfurter Dandies, die soeben noch Emma Becker den Hof gemacht haben, dem Zuge angeschlossen. Man muß sich fügen! Der einzige, welcher das nicht einsieht, ist Herr Wißmuth, der triumphierend das allerjüngste und hübscheste der anwesenden Frankfurter Mädchen zu Tisch führt, was übrigens die ganze, sorgfältig kombinierte Tafelordnung Herrn Försters umstößt. Aber das ist Herrn Wißmuth trotz all seines Respekts für das Geld seines Wirtes gleichgültig.

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Der Speisesaal war etwas kahl, wie vorläufig noch alle Räume des Schlosses, die Wände hell, in einer einzigen, längst verblaßten, kaum erkennbaren Farbe gemalt und oben längs der Zimmerdecke mit einer schmalen Weinlaubguirlande verziert, die auch an allen Ecken neben einem dunkelbraunen Streifen gerade herunterlief. Ein paar Empirebüffetts, lächerlich klein für das große Zimmer, machten außer dem Speisetisch, um den die Gäste saßen, die einzige Einrichtung aus. Dieser Tisch, reich und glänzend besetzt, stand im schreiendsten Widerspruch zu der puritanischen Einrichtung des übrigen. Wie viel Silber, Aufsätze, Kandelaber – alles ein wenig zu glänzend, überladen und geschmacklos verschnörkelt; die Blumen in den Jardinieren zu dicht aneinander gedrängt, aber reich und bunt und einen berauschenden Duft ausatmend, Rosen, Tazetten und Maiglöckchen mit leichtem Farnkraut vermischt! Dazu eine Batterie von Gläsern neben jedem Teller und das Speiseservice von buntgemaltem modernem Meißener Porzellan. Die Vorhänge waren zugezogen, um das lange Frühlingszwielicht hinauszusperren; die massenhaften Wachskerzen in den silbernen Armleuchtern, sowie in dem großen, mit geschliffenen Glaspendeloques behangenen venetianischen Luster, einem Luster, wie man ihn sonst nur in den Empfangsräumen alter Paläste sieht, strahlten hell.

Kitty sah wunderhübsch und etwas verdrießlich aus und gab ihrem jungen Nachbar – außer seinem Reichtum genoß er noch die Auszeichnung, mit den Abkömmlingen verschiedentlicher Frankfurter Berühmtheiten weitschichtig verwandt zu sein – einsilbige Antworten. Der Hausherr, welcher sie so nahe neben sich placiert hatte, als es die Etikette ihm gestattete, richtete von Zeit zu Zeit über die zwei Personen hinüber, die ihn von ihr trennten, an sie Bemerkungen. Fräulein von Hohleisen beobachtete indessen ihren jungen Nachbar. »Kein Wunder, daß sich die Kleine für ihn interessiert,« dachte sie bei sich.

Als echte Österreicherin vermochte sie noch immer nicht sich darüber zu trösten, daß dieser »charmante junge Mensch« verurteilt war, bei der Infanterie zu dienen, doch mußte sie gestehen, daß man ihm den Infanteristen nicht anmerkte. Sie bedauerte ihn nur immer aufrichtiger für diesen Beweis seiner Armut.