Er war groß, eher größer als der Hausherr, von kräftigem Wuchs, aber sehr schlank, mit der Schlankheit seiner fünfundzwanzig Jahre und seiner vornehmen Herkunft. Das schmale Gesicht, bis auf den leichten Schnurrbart glatt rasiert, hatte das etwas zu lange Kinn, welches Fräulein von Hohleisen auf allen Ahnenbildern der Altenrieds bemerkt hatte, ein sehr feines Profil, und unter der breiten, nicht allzu hohen Stirn, die im Gegensatz zu dem Rest des Gesichts schneeweiß war, blickten, von dichten horizontalen Brauen beschattet, ein Paar tiefliegende, mandelförmige dunkelblaue Augen. Diese Augen blieben immer ernst, selbst wenn die etwas vollen Lippen lachten. Die Haltung des jungen Menschen war stramm und frei zugleich, was in seiner abwechselnd zur Steifheit oder Schlaffheit neigenden Umgebung besonders auffiel, seine Manieren waren bescheiden und verbindlich ohne aufdringliche Dienstfertigkeit.
Er hatte das Herz Annas erobert, ehe er noch ein Wort zu ihr gesprochen. Mit dem Reden war's überhaupt schwach bei ihm bestellt. Sie begriff, warum es ihm schwer fiel. Und doch fühlte sie den Wunsch, in seinem Inneren etwas weiter vorzudringen, Kittys halber.
Nach einem Weilchen machte sie einen kühnen Angriff. »Wie alt waren Sie, als Sie Ulmenhof verließen?« fragte sie rund heraus.
Er schrak ein wenig zusammen, sah zu ihr auf. Die Frage hätte leicht etwas Unzartes haben können. Aber aus Annas grauen Augen sprach so viel Teilnahme, daß der junge Mann sofort merkte, er habe eine Freundin an dem grauhaarigen Mädchen gewonnen.
»Zehn Jahre,« sagte er.
»Und seit der Zeit haben Sie das Schloß nicht besucht?«
»Nein.«
»Dann muß es für Sie recht unangenehm sein, es das erste Mal unter so vielen Fremden wiederzusehen.«
Sie sprach in einem unbefangenen mütterlichen Tone zu ihm, als ob sie ihn sein lebenlang gekannt hätte. Ihre Stimme, ihr Blick, ihr ganzes Wesen that ihm wohl. Offenbar war die Sympathie zwischen ihm und ihr gegenseitig.
»Habe ich mir das so sehr anmerken lassen?« sagte er, indem ein Lächeln seine Mundwinkel hinaufkrümmte, das Lächeln, hinter dem ein Mensch seines Schlages eine peinliche Gemütsbewegung versteckt. »Es ist sonst nicht meine Art, aber ich bin heute etwas zerstreut. Ich bitte Sie sehr, mich zu entschuldigen, gnädiges Fräulein.«