»Man müßte ein Unmensch sein, um Ihnen Ihre Verstimmung übel zu nehmen,« erklärte Anna energisch; »ich hätte eigentlich gar nicht von diesem Thema anfangen sollen, aber ich kann Ihnen so gut nachempfinden. Ich habe etwas Ähnliches erlebt; auch unser Landgut, das, auf dem ich einen Teil meiner Mädchenjahre verbrachte, ist verkauft worden. Es war lange nicht so schön wie Ulmenhof, aber ich hatte es doch unbeschreiblich lieb. Zehn Jahre, nachdem ich Abschied davon genommen – unter wieviel Thränen! – schlich ich mich heimlich an den Gartenzaun heran, hinter dem ich fremde Kinder laufen hörte; die Frau des neuen Besitzers erblickte mich und forderte mich auf, einzutreten. Keine Möglichkeit, mich dem zu entziehen! Die neuen Menschen waren sehr nett gegen mich, selon leurs lumières!« – ohne ein bißchen Französisch kommt Anna nicht durch – »ich wurde gefeiert, bewirtet, dann schleppten sie mich zwei Stunden lang in Haus und Garten herum, um mir die von ihnen angebrachten Verbesserungen zu zeigen. Mein armer Garten! wie sah der aus! ich konnte ihn gar nicht finden zwischen all den neuen Teppichbeeten, Springbrünnlein und wohlgepflegten Bosketts. Das Haus erschien mir unter seiner neuen Tünche wie geschminkt. Als ich mich entfernte, hatte ich die Heimat verloren, selbst die Erinnerung daran war jetzt verzerrt und verzeichnet, ich konnte sie nicht mehr deutlich in mir wachrufen. Nun, zum wenigsten war ich für immer von meinem Heimweh geheilt.«

»Mich wird von meiner Liebe zu Ulmenhof nichts mehr heilen,« erklärte der junge Altenried immer noch lachend. »Wenn ich tot bin, geh ich in Ulmenhof um,« sich etwas zu Anna neigend. »Sie begreifen vielleicht, gnädiges Fräulein, daß es mir, alles Heimweh beiseite, eine unbeschreibliche Genugthuung wäre, den jetzigen Besitzer hinauszuquälen. Hm! im Leben dürfte mir's kaum beschieden sein!« Er schwieg einen Augenblick, dann hub er von neuem an: »Wissen Sie, woran ich dachte, als ich so stumm neben Ihnen saß, gnädiges Fräulein? Ich beschäftigte mich damit, die Möbel an ihre alten Plätze zu rücken. Hier fand ich mich anfänglich gar nicht zurecht. Die beiden Büffetts gehörten in unser altes Speisezimmer. Diesen Saal bewohnten wir eigentlich nicht, er war zu groß für unsere Verhältnisse, wie übrigens das ganze Schloß. Nur zu Weihnachten wurde er geheizt, der Christbaum wurde immer darin angezündet, dort unter dem Bild der Urgroßmutter – das ist meine Urgroßmutter, die Frau in dem weißen Kleide und mit dem Gürtel unter den Schultern. Mein Gott, an unserem ganzen Christbaum hing nicht ein Viertel von den Wachskerzen, die heute hier verbrannt werden. Er malte immer nur eine kleine Lichtinsel in den großen Raum hinein, alles übrige blieb dämmerig. Aber es war so schön, sich aus der Dämmerung heraus in diese Lichtinsel zu stürzen, man freute sich so an jedem bunten Bilderbuch, an jedem Spielzeug, jeder vergoldeten Nuß. Der Aufbau wurde alle Jahre ärmlicher, aber je ärmlicher er wurde, desto lauter freute man sich, schon um den Eltern ein Vergnügen zu machen. Es war doch schön,« setzte er leiser, wie zu sich selbst sprechend, hinzu, »bis in die Sorgen hinein war's schön!«

»Leben Ihre Eltern noch?« fragte Anna.

»Sie befehlen, gnädiges Fräulein?«

Altenried hatte nicht aufgehorcht.

»Ich fragte, ob Ihre Eltern noch leben.«

»Mein Vater starb bald, nachdem Ulmenhof verkauft war. Die Sorgen hatten zwar aufgehört, aber er konnte sich in das Stadtleben nicht hineingewöhnen. Wir thaten, was in unserer Macht lag, um's ihm lustig zu machen, wir sagten immer, daß wir Ulmenhof gar nicht entbehrten, daß es viel amüsanter sei in der Stadt. Aber er glaubte uns nicht. Er sah uns immer so ängstlich von der Seite an, als ob er uns um etwas gebracht hätte, der Arme, gerade als hätte er etwas dafür gekonnt. Als er Ulmenhof übernahm, war es bis zum Wetterhahn hinauf verschuldet. Wie hätte er sich da heraushauen sollen! Das einzige, was man ihm allenfalls zum Vorwurf machen konnte, war, daß er ein Mädchen ohne Mitgift geheiratet ... aber ... wir hätten keiner eine andere Mutter haben wollen!«

»Ihre Mutter lebt noch?«

»Ja, Gott sei Dank!«

»Und Sie haben mehrere Geschwister?«