Kitty wußte ganz gut, wie es im Herzen Altenrieds aussah – der einzige dunkle Punkt in dieser Verwickelung war für sie, wie ihn dazu bekommen, ihr seine Liebe einzugestehen. Das Schlimmste war, daß er, wie er ihr selber mitgeteilt, noch dieselbe Woche abreisen sollte.
* * *
Jetzt war das Diner vorbei; man hatte sich von neuem in der Vorhalle versammelt. Die Stimmung war um ein bedeutendes gemütlicher geworden; alle Gäste sprachen lauter als vor dem Essen und waren stärker gefärbt. Man merkte, daß man sich nicht weit vom Rhein befand.
Man hatte sich nach gut deutscher Sitte die Kreuz und Quere die Hände gereicht, hatte Kaffee und Chartreuse getrunken, die Damen hatten den Herren gnädigst die Erlaubnis erteilt, in ihrer Gegenwart eine Cigarette zu rauchen.
Aus Kittys großen Kinderaugen blitzte ein Gewitter von Ungeduld, Herr Förster hatte sie eine volle Viertelstunde mit schönen Redensarten festgenagelt – Altenried stand indes mit einem verdrießlichen Gesicht am anderen Ende der Halle, und Kitty klopfte das Herz vor Angst, er könnte sich auf französisch aus dem Staube machen, ehe sie noch Gelegenheit gefunden haben würde, ein Wort mit ihm zu reden. Der Gedanke war unerträglich. Indessen hatte eine der Damen gefragt, ob denn nicht einer der Anwesenden einen Walzer spielen könne. Anna Marie hatte sich bereitwillig an den Flügel gesetzt und hämmerte mit Macht und dem österreichischen Walzerrhythmus, der ihr im Blut steckte, die »Geschichten aus dem Wiener Wald« in die Tasten hinein.
Eine Minute später walzte alles. Herr Wißmuth sehr unternehmend und den Ellenbogen altmodisch zusammenknickend, natürlich mit dem blutjungen Mädchen, neben dem er bei Tisch gesessen und in das er augenscheinlich bis über die Ohren verliebt war, Hildegard von Mühlhausen mit einem Offizier, den sie um eine Kopflänge überragte und bei jedem Schritt vom Boden aufhob. Der Offizier tanzte offenbar aus Pflichtgefühl, und Hildegard gab sich den Anschein, ein Opfer zu bringen. Sie war nie erhabener, als wenn sie sich aus Gefälligkeit den kleinlichen Vergnügungen gewöhnlicher Menschen unterzog. Emma Becker tanzte – ja selbst die dicke Rheinweinkönigin schnaufte in den Armen eines höflichen Jünglings seelenvergnügt in der Halle herum. Herr Förster hatte natürlich sofort Kitty engagiert. Sie trachtete so schlecht zu tanzen als möglich, um ihn rasch los zu werden; da das keinen Eindruck auf ihn machte, schützte sie Atemlosigkeit vor. Ehe er sie widerwillig genug losließ, um sich als höflicher Hausherr einer anderen Dame zur Verfügung zu stellen, drückte er ihr zärtlich die Hand.
Kitty merkte es kaum und hatte keine Zeit sich darüber zu ärgern. An seiner sich entfernenden Gestalt vorbei blickte sie zu Altenried hinüber, so einschmeichelnd, als sie es überhaupt zu stande brachte, und das war nicht wenig. Einen Moment that Altenried, als ob er nichts merkte, dann – nun, dann ging er ruhig auf sie zu.
»Herr von Altenried, was haben Sie heute eigentlich gegen mich?« fragte sie ihn mit einer wundervoll altklugen Miene streng.
»Ich gegen Sie, gnädiges Fräulein?« Er lächelte unwillkürlich, und sie fuhr, die Achseln in die Höhe ziehend, mit einem komisch feierlichen Gesichtsausdruck fort: »Ich kann nichts dafür, daß mir Herr Förster den Hof macht.«
»Können Sie wirklich nichts dafür?« sagte er etwas mutwillig. »Nun, da darf ich's Ihnen auch nicht weiter zur Last legen; ich dachte wirklich, Sie hätten plötzlich Ihre Meinung von ihm geändert.«