»Die Welt geht ihren Weg, die Welt geht ihren Weg, wir erreichen gewiß unser Ziel!« versicherte er alle Tage schmunzelnd Anna Marie – und Anna Marie schwieg.
Herr Förster that indessen durchaus nichts dergleichen. Der Umstand, daß Kitty einen blutarmen Teufel seiner Herrlichkeit vorzuziehen wagte, hatte seine Eitelkeit ins Schwarze getroffen. Er that jetzt, was er konnte, um seine früher offen zur Schau getragene Neigung zu ihr abzuleugnen, äußerte sich wegwerfend und abfällig über sie gegen alle, die ihn anhören mochten, und zerwarf sich mit allen denjenigen, welche sich unterfingen, ihn an den Umstand zu erinnern, daß er sich einmal für Kitty interessiert habe. Kurz, er benahm sich genau so, wie ein nur mühsam kulturbeleckter Rüpel, dessen innere Roheit durch eine starke Gemütsbewegung aus der Tiefe an die Oberfläche seiner Natur heraufgewühlt worden ist, sich in dem gegebenen Falle benehmen mußte.
Um sich zu zerstreuen und von sich reden zu machen, ließ er das Schloß in Ulmenhof vom Flur bis zum Dachfirst durch einen künstlerischen Frankfurter Tapezierer renovieren, spendete große Summen zur Einrichtung eines Hospitals, bethätigte auch noch anderweitig eine höchst effektvolle Wohlthätigkeit, fuhr täglich mit einem recht vergnügten Gesicht und glänzender Equipage an Kittys Fenstern vorüber und machte Emma Becker den Hof, erweckte in ihr die lockendsten Hoffnungen, die sich leider nach einiger Zeit als unbegründet erwiesen.
Anna Marie blieb, ohne viel Worte zu machen oder Herrn Wißmuth mutwilligerweise zu erbittern, auf Kittys Seite. »Eine sympathische Umgebung ist der einzige Luxus, den zu entbehren mir in diesem Leben je schwer gefallen wäre,« sagte sie oft achselzuckend zu sich selber. »Für Kitty würde es wohl ebenso sein!«
Und indessen geht die Welt ihren Weg, wie Herr Wißmuth richtig behauptet. Aber wohin dieser Weg führt, das ahnt er nicht, das ahnt wohl keiner im Deutschen Reich, während der Blütenzauber des Frühlings 1870 langsam von den Bäumen herunterweht.
Die Obstbäume haben längst ihr duftiges weißes Blütenkleid mit einem ernsten, eintönigen grünen Blättergewand vertauscht und hängen voll kleiner, harter und vorläufig noch sehr saurer Früchte, die Heckenrosen am Wegsaum sind verblüht, die Gartenrosen erheben ihre stolzen Häupter rot, weiß, blaßrosa, gelb mit rötlichem Schimmer. Welche Fülle von Rosen! – nirgends blühen sie schöner als an dem Fenster Kittys, das heißt dem einen ihrer zwei Fenster, das in den Garten sieht, denn die zwei anderen Fenster von Kittys Schlafzimmer – es ist ein Eckzimmer – sind kahl, die gehen auf die Straße hinaus.
Zwei wunderschöne weiße Rosen haben sich frisch entfaltet über Nacht, zwei weiße und eine blutigrote. Kitty sieht von ihrem Schreibtisch hinweg, wo sie eben im Begriff steht, einen Brief zu schreiben, zu den Rosen hinüber, die im hellen Julisonnenschein wie Edelsteine glühen. »Wenn Hans die sehen könnte!« denkt sie bei sich, wie sie immer an Hans denkt, sobald ihr irgend etwas Hübsches oder Liebes im Leben begegnet – da hört sie die Stimme ihres Schwagers. Was hat der hier zu thun so unerwartet? Wäre ihrer Schwester vielleicht ein Unglück zugestoßen? Ihr immer nur allzu leicht beunruhigtes Herz klopft hochauf. Nein, um die Schwester handelt es sich nicht. Jetzt hört sie den Schwager deutlich sagen: »Diesmal ist's Ernst! – ein Telegramm aus Berlin – die Armee mobilisiert.« Kitty zittert am ganzen Leibe.
»Eine Deroute auf der Börse, wie ich sie seit sechsundsechzig nicht erlebt. Das bedeutet Krieg!«
»Ja, das bedeutet Krieg,« erklärt Herr Wißmuth wichtig.