»Hab ich eine Nase,« berühmt sich Herr Sadis, »seit vierzehn Tagen spekulier ich auf Baisse – famos!«
»Du imponierst mir,« erklärt Herr Wißmuth.
Kitty steht inmitten des Zimmers, blaß und zitternd. Hat sie richtig gehört? Krieg ... Krieg ... ach, wer weiß, was für ein Krieg das sein mag – ein Krieg zwischen Rußland und Persien – ein Krieg zwischen Rußland und Österreich und der Türkei ... Da tritt Anna Marie zu ihr, sehr bekümmert. Drei Schritte macht ihr Kitty entgegen, dann bleibt sie stehen, macht eine kleine unbeholfene Bewegung mit den Armen wie ein angeschossener Vogel, der die Flügel regt und nicht mehr fliegen kann, und murmelt: »Die Armee mobilisiert – welche Armee?«
»Die preußische,« sagt Anna Marie.
* * *
Sie hatte nichts davon geahnt, nein, nichts von dem, was seit mehreren Tagen in allen Zeitungen stand, daß ein hohenzollernscher Prinz sich die Krone von Spanien hatte aufs Haupt setzen wollen, die Krone, die, ein Angelhaken für unternehmende junge Fürsten mit Hang zum Regieren und ohne momentane Beschäftigung, damals fast so zudringlich feilgeboten wurde wie heute die Krone von Bulgarien – daß Frankreich eingeschritten war, hochmütig, schroff, aufreizend, und Deutschland ihm durch eine kriegerische Demonstration geantwortet hatte, durch ein einschüchterndes Säbelrasseln. Wie hätte sie das wissen sollen, sie las ja keine Zeitung, sie kümmerte sich nicht um Politik. Wer sollte ihr davon reden? Die einzige, die es hätte thun können, war Anna Marie, aber die hütete sich wohl. »Es hat Zeit, es hat Zeit,« sagte sie sich, »wer weiß, vielleicht ziehen die Wolken vorüber, sie sind schon oft vorübergegangen, wozu die Kleine beunruhigen!«
Aber die Wolken zogen nicht vorüber, das Wetter stieg empor finster und schnell, ehe man sich's versah, war auch schon der ganze Himmel schwarz, am 19. Juli war der Krieg erklärt!
Ja, der Krieg war erklärt zwischen Frankreich und Preußen! So sagte man damals, denn an Deutschland hatte man längst zu glauben aufgehört.
Was war denn Deutschland? – ein theoretischer Begriff, der außer Kurs gekommen war, weil sich keine praktische Substanz dahinter verbarg; etwas, das Geographie studierenden Kindern viel Kopfzerbrechen verursachte und von dem die wenigsten vermochten, es deutlich zu erfassen. Deutschland – Deutschland! – früher war es allenfalls etwas gewesen, etwas Mächtiges, Großartiges, ja fast mystisch Poetisches; jetzt aber – jetzt war es eine Art politisches Aquarium mit größeren und kleineren Fischchen, von denen jedes nach seinem eigenen Kopfe mit dem Schwänzchen zappelte und von denen nie zwei Lust hatten, sich zu einer gemeinsamen Aktion zu vereinigen. Anno sechsundsechzig hatte der preußische Hecht zwar eine ganze Reihe der kleineren Fischchen verschlungen, aber die Fischchen hatten es ihm sehr übel genommen und zappelten in seinem Magen gewaltig weiter, ja setzten alles daran, ihn zu veranlassen, sie wieder auszuspeien.
Die Freiheitskriege hatte man vergessen, während in Frankreich Malakoff und Solferino die Siegeslegende der großen Armee von neuem belebt hatten.