Keiner von den politischen Zuschauern, den neutralen Mächten hätte damals auf Deutschland gewettet; der einzige, der an dem Siege Frankreichs zweifelte, das war der Kaiser der Franzosen selbst und ein paar hellsehende Männer, die ihn gewarnt, ohne es vermocht zu haben, ihn vor seiner eigenen Schwäche zu retten.


Kitty stellte keine Betrachtungen an über die politische Lage; ob Preußen mit Frankreich kämpfen sollte oder mit der Türkei oder mit Afghanistan, war ihr einfach gleichgültig. Es kämpfte, es rief seine Söhne unter die Fahnen, und das Leben seiner Söhne, das Leben Hans von Altenrieds war gefährdet. Das war alles, was sie von der politischen Situation verstand.

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Fräulein von Mühlhausen saß in ihrem kleinen Stübchen, in dem es ziemlich wüst aussah, obgleich es längst elf Uhr geschlagen hatte; die Ilias in der Voßschen Übersetzung vor sich aufgeschlagen, eine Tasse Kaffee neben sich. Der Kaffee blieb ungetrunken und die Ilias wurde nicht umgeblättert; Fräulein von Mühlhausen war nicht in der Stimmung, sich ihrer physischen und geistigen Ernährung zu widmen. Ihr ganzes Sein ging wieder einmal auf in ihrer Verzweiflung darüber, daß sie, Hildegard von Mühlhausen, kein Mann war. Seit der Kriegserklärung grämte sie sich darüber mehr als je.

Ihr Zimmerchen war hauptsächlich mit Photographien nach Raphael und Michelangelo möbliert, die uneingerahmt und nur mit Reißbrettnägeln befestigt an der Wand hingen, im übrigen mit Disteln, für welche sie eine ausgesprochene Vorliebe hegte und von denen sie einen großen Vorrat aus der Campagna mitgebracht zur Erinnerung an eine italienische Reise, die den Glanzpunkt in ihrem Leben gebildet hatte. Mitten zwischen all dem Kehricht hing eine Photographie von ihr selbst und zwar im neapolitanischen Kostüm.

Da das kleine Gemach sonst reichlich mit Staub und Spinngeweben garniert war, so machte es im ganzen mehr den Eindruck eines Ställchens als den einer Wohnstube.

Fräulein von Mühlhausen seufzte allenfalls über diesen Übelstand, wenn sie ihn bemerkte, was nur anläßlich eines Zusammenpralls mit der Außenwelt geschah, aber sie that nichts, um ihn zu ändern, dazu war sie viel zu erhaben und zu faul.

Was sie allenfalls geleistet hätte, wenn sie als Mann auf die Welt gekommen wäre, wird bis in die Ewigkeit hinein eine offene Frage bleiben. Als Frau leistete sie nicht viel, sie war weichlich, stand spät auf, liebte das Wohlleben über alles und verausgabte alle ihre hervorragende Thatkraft im Konditional.

Draußen regnete es in Strömen.