»Ach, wenn ich nur ein Mann wäre!« schrie Fräulein von Mühlhausen ins Leere und rang ihre kleinen Hände. Sie war fest überzeugt, daß sich in diesem Falle die sämtlichen Vorzüge Bismarcks, Moltkes und des Königs in ihr vereinigt hätten.
Da klingelte es sehr scharf. »Um Gottes willen, wer kann denn das sein?« rief sie entsetzt und hielt die Falten ihres fleckigen, himmelblauen Morgenrocks über dem Magen zusammen. Es klingelte noch einmal, noch schärfer.
Hildegard erhob sich seufzend.
»Auguste!« rief sie in ihre Schlafstube hinein, wo ihr dienstbarer Geist beschäftigt war, »haben Sie nicht klingeln gehört?«
Auguste hatte nichts gehört, sie stand, den Kehrbesen und einen Staubfetzen in der Hand, beim Fenster und las Wallensteins Tod.
Auguste war ein Erziehungsresultat Hildegards, die sich ihrer von Jugend auf angenommen, wofür sich Auguste dadurch erkenntlich zeigte, daß sie Fräulein von Mühlhausen jetzt umsonst, das heißt für Kost, Wohnung und Kleidung bediente. Leider war sie um einen halben Kopf kleiner als Hildegard, dabei aber schönheitswidrig breiter, weshalb ihr die abgelegte Garderobe Fräulein von Mühlhausens sonderbar saß. Sie wischte den Staub nie auf und machte das Bett häufig erst nachmittags, aber alle ihre Mängel deckte sie in den Augen ihrer Herrin durch eine schwärmerische Vorliebe für Schiller. Daß sie neben dieser Vorliebe für Schiller eine ausgesprochene Vorliebe für Unteroffiziere besaß, ahnte Hildegard nicht.
»Machen Sie doch auf, es klingelt zum drittenmal,« rief Hildegard ärgerlich; »ich komme ja rein um die Ohren! Öffnen Sie doch!« Selber zu öffnen, wäre Fräulein von Mühlhausen als eine Entwürdigung erschienen. Die Möglichkeit war ihr vielleicht einfach noch nicht eingefallen.
Auguste öffnete. Draußen in der Küche, die zugleich als Vorzimmer diente, hörte man Säbelgeklirr. Die kriegerische Mühlhausen fuhr auf. Indem legte sich eine Hand auf die Klinke ihrer Thür. »Darf ich herein, Hilde?« fragte ziemlich schroff eine tiefe männliche Stimme. »Hans!« rief Hildegard sehr aufgeregt und trat ihm entgegen.
Trotz ihrer großen Verachtung des männlichen Geschlechts, einer Verachtung, die etwas schwer zusammenzureimen war mit ihrer schreienden Verzweiflung darüber, nicht als Mann auf die Welt gekommen zu sein, hatte Hildegard eine Schwäche für ihren Vetter von Altenried. Keiner, der ihn an diesem verregneten Julitag zu ihr hätte hereinstürmen sehen, hätte ihr das verübelt. Die Augen glänzten ihm aus dem Gesicht heraus, seine Wangen waren brauner, seine Brust schien breiter als im Frühjahr. »Grüß Gott, Hilde!« rief er munter, indem er seine vom Regen triefende Mütze auf den Tisch warf mitten zwischen ihren Homer und ihren kalten Kaffee. »Verzeih, daß ich dir so viel Wasser in die Wohnung mitbringe, mein Mantel richtet in der Küche draußen eine ganze Überschwemmung an. Na, wie geht's?«
»Wie's eben einem armen Geschöpf gehen kann, das verurteilt ist, hinter den Coulissen der Weltbühne einem glänzenden Schauspiel, bei dem ihm keine Rolle zugefallen ist, zusehen zu müssen!«