Für Anna Marie, so wie sie nun einmal beschaffen war und ihre vollen fünfzig Jahre lang in romantischer Überspanntheit neben dem Leben hinexistiert hatte, ohne sich auch nur ein einzigmal praktisch hineinzumischen, gab es nichts Demütigenderes, Beschämenderes auf der Welt als gerade das. »Das« bedeutete: eine Ehe wie die, in welche sich Kitty hineingefügt. Trotz ihrer unendlichen Güte war Anna Marie doch ein wenig erstarrt in der unbeirrten, schroffen Reinheit, die ihr Lebenselement ausgemacht hatte.

Nach einem Weilchen verflüchtigte sich ihr Zorn gegen Kitty. Das Mitleid gewann die Oberhand. Sie machte sich nun Vorwürfe darob, das blasse zitternde Geschöpf so hart angelassen zu haben. Wie hatte sie, deren Edelmut stets frei und unbehindert seine geraden, vom Schicksal fein säuberlich geebneten Pfade entlang gewandelt war, sich erkühnen dürfen, ein armes Ding zu verurteilen, das sich in einer so verwickelten Lage befand wie Kitty!

Mein Gott, seinen geraden Weg gehen auf Kosten eigener Entbehrung, das war ja nichts – aber ihn gehen quer über die neu erblühte Freude von drei zarten Geschöpfchen, an denen man mit jeder Herzensfaser hängt, das war freilich ein ander Ding.

»Arme Kitty! arme süße, kleine Kitty!« murmelte sie einmal um das andere, »sehr stark war sie ja nie, sie hatte immer mehr Herz als Verstand. Solche Geschöpfe begehen manchmal ein Verbrechen aus Liebe.«

Mit einemmal schlich sich ein neues Mißbehagen kalt und beklemmend um ihr Herz. Sie dachte an die von Herrn Förster geplante Sedanfeier.

Ein Feuerwerk, Lärm, Militärmusik – sie setzte sich im Bett auf, ein kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Wie sollte Kitty das überstehen. Sie hätte alles in der Welt geben mögen, um ihr die Qual zu ersparen, und fühlte doch, daß sie gegen Herrn Försters Eigensinn hilflos war. Seine Eifersucht war offenbar wach geworden, wie sollte man von ihm verlangen, daß er Rücksichten zeigen sollte gegen Kittys Liebeserinnerungen. Es hieße seine Grausamkeit reizen, nur daran zu rühren.

Anna Marie konnte nicht helfen – sie konnte nur die Hände ringen und schluchzen.

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Die Tafel ist gedeckt. Mit einer Art Andacht blickt Bernhard, der alte Kammerdiener, auf die geschmackvolle Ausstattung derselben nieder; der lange Tisch ist in ein Blumenbeet verwandelt, aus dem die flachen, mit wundervollem Obst besetzten silbernen Schüsseln hervorglänzen. Es steht weniger Silber auf dem Tisch als zu Herrn Försters Junggesellenzeit, und das wenige ist anderer Art.

Rosa Wachskerzen in schweren silbernen Armleuchtern, jede Kerze mit einem kleinen Lichtschirm versehen, werfen ihr liebkosendes Geflimmer über die Blumen und Schüsseln, über die Reihen von scharf geschliffenen Krystallgläsern, über die goldverschnörkelten, mit Blumensträußen bemalten Teller. Kitty selbst hat das Decken der Tafel überwacht. Es ist seltsam genug, daß sie, für welche die ganze Welt momentan in Trümmern liegt, sie, die keinen Atemzug schöpfen kann, ohne Schmerz zu empfinden, noch darauf hält, daß der Tisch in ihrem Hause ordentlich aussehen möge.