Die Zeit Karls des Großen.

Trotz ihrer Tapferkeit erlagen die Sachsen den fränkischen Eroberern, die mit einem Netz von Straßen, Wirtschaftshöfen und Burgen das Land überzogen. Auch von ihren Befestigungen finden wir Reste und erkennen sie an ihrer Zweiteiligkeit. Der kleinere befriedete Raum umschloß die Wohnung des Wirtschafters oder Befehlshabers, der größere enthielt den nötigen Platz für Zelt- oder Barackenlager. Zu diesen Burgen gehören u. a. Altschieder bei Schieder, die Bennigserburg und die Heisterburg im Deister, die Babilönie bei Lübbecke und die sogenannte Wittekindsburg bei Rulle. Diese Festen bieten in ihren Überbleibseln dem nicht sachkundigen Beschauer ebensowenig des Merkwürdigen wie die Sachsenlager. Viele andere, zumeist die jüngeren, haben überhaupt keine Spuren hinterlassen, da sie in Dörfern oder Städten aufgegangen sind. Da Karl der Große längs der Straßen und Marken alles Land der Verfügung des Staates unterstellte, sächsische Bauern vielfach verpflanzte, und für sich und seine Getreuen sowie für geistliche Stiftungen bedeutende Güter aussonderte, die dann mit abhängigen Kolonisten aus dem Frankenlande besiedelt wurden, so brachte er allmählich alle wichtigen Plätze in die Hand sicherer Leute. Natürlich erbitterte die Errichtung dieser großen Grundherrschaften, diese völlige Umwälzung der Eigentumsverhältnisse die Sachsen aufs äußerste. Gleichwohl lag darin auch ein Anreiz, sich mit der neuen Herrschaft zu versöhnen und den Lohn der »Treue« in Gestalt reichen Königsguts entgegenzunehmen. So vertauschte, nachdem der Engernfürst Bruno sich bereits 775 unterworfen hatte, auch der Westfale Wittekind zehn Jahre später die Rolle des Bauerngenerals mit der des reichen Grundherrn von Königs Gnaden.

Aufs engste war unter Karl und seinen Nachfolgern mit der politischen Eroberung die kirchliche verknüpft. Bistümer erstanden wie Osnabrück, Minden, Paderborn u. a. Ihre Diözesen und derer Unterabteilungen schlossen sich ebenso wie die fränkischen Gerichts- und Verwaltungsbezirke, die Gaue, an alte Stammgebiete und volkstümliche Gerichtssprengel an.

Von den drei alten Provinzen Sachsens interessiert uns zumeist Engern. Ostfalen scheidet abgesehen von einem Teil der Hilsmulde ganz aus unserer Betrachtung aus, und westfälisch ist von dem auf Seite [4] umgrenzten Gebiet nur der Teil, der von der Linie Bünde-Brackwede nordwestlich liegt. In Engern lag die alte Thingstätte Markloh (d. h. Grenzwald), wo die Abgesandten der Sachsen zusammenkamen. In Engern spielten sich auch die meisten Hauptereignisse des sächsisch-fränkischen Krieges, Überwinterungen, Reichstage, Belagerungen, Schlachten, ab. Man denke an die Eresburg (Marsberg), an Herstelle, Lügde, Schieder, Detmold, Paderborn, den Süntel, Lübbecke.

Das Mittelalter.

Zur Ottonenzeit war es ruhig in den Weserlanden. Das politische Schwergewicht hatte sich nach Ostfalen verschoben, wo es auch unter den Saliern blieb. Engern erfreute sich allerdings häufiger Besuche der Herrscher. Herford und Corvey sowie, ihnen nacheifernd, Paderborn und Minden wirkten kulturfördernd; aber doch hatte das Weserland kein Goslar, kein Hildesheim aufzuweisen. Auch von dem Emporblühen der westfälischen Städte Osnabrück, Münster, Soest und Dortmund hatte das Weserland, das alte Engern, wenig Vorteil.

§. Abb. 64. Am Rotenstein bei Eschershausen. (Zu Seite [87].)

Scheidung der Dialekte.

Im elften Jahrhundert verschwindet übrigens der Name Engern allmählich. Als mit dem Sturze Heinrichs des Löwen (1180) das Herzogtum Sachsen, das noch kurz zuvor dem Kaiser selber Trotz zu bieten vermochte, in Stücke geschlagen ward, da lösten sich die Bande zwischen den Ländern rechts und links der Weser. Paderborn kam an das unter dem Erzbischof von Köln stehende Herzogtum Westfalen. Auch Minden, das selbständig gewordene Bistum, wurde später zu Westfalen gerechnet; durch die Maximilianische Kreiseinteilung (1512) gelangte auch Schaumburg dazu, während die welfischen Lande den Hauptbestandteil des niedersächsischen Kreises bildeten. Diese scharfe Scheidung scheint auch auf die Entwicklung der Stämme von Einfluß gewesen zu sein. Denn das niedersächsische Plattdeutsch weist von dem westfälischen bedeutende Unterschiede auf. Heißt es in Westfalen »mī« und »dī«, so sagt man in einem Teile Niedersachsens »meck« und »deck«; sagt der Westfale »ick sin«, so wird man in Niedersachsen meist »ick bin« hören. Besonders groß sind die Unterschiede des Vokalismus, insofern der einfachen niedersächsischen Länge zumeist ein westfälischer Doppellaut gegenübersteht; man vergleiche: Brôd — Bräud oder Braud (Brot), Brût — Briut (Braut), dûsent — diusent (tausend), Müse — Muüse (Mäuse), Tîd — Tëid oder Tuid (Zeit), spräken — spriäken (sprechen), brôken — bruaken (gebrochen). Auffallend ist auch das reine lange â der Westfalen, z. B. in Wâter (Wasser), während der Niedersachse dumpf Wáter sagt. Da die ehemals engrischen Teile Westfalens noch gewisse Besonderheiten im Dialekt gegenüber dem Altwestfälischen haben, so ist anzunehmen, daß das Ostengrische vom Ostfälischen (= Niedersächsischen) aufgesogen worden ist.