»Die sammel' ich,« erklärt er ganz unschuldig.
»Mein Sohn,« spreche ich und lege mit ehrwürdig-großer Geste die Vaterhand auf seine Schulter, »ich will es keineswegs als unmöglich hinstellen, daß die Sammler von Briefmarken und Trambahnbilletts irgendeinen Gedanken daneben haben. Der Mensch soll nicht hochmütig sein: was wissen wir z. B. vom Seelenleben des Meerschweinchens oder des Laubfrosches! Aber bei einem Erben meines Blutes dulde ich Briefmarkensammeln nicht. Darin erlaube ich mir nun Despot zu sein. Willst du schöne Dinge sammeln – sehr gut! Willst du lehrreiche Dinge sammeln: Tiere, Pflanzen u. dgl. – auch gut! Aber Briefmarkensammeln ist ausgesprochene Antikultur, und darauf steht bei mir Enterbung.« (Der Junge verfärbt sich.) »Man weiß ja, wie's geht: Erst kommt das Cricri und das Monokel, dann das Sammeln von Briefmarken und Pferdebahnzetteln und schließlich der Klerikalismus, ohne daß man die Uebergänge merkt!«
Meine Frau hat sich inzwischen an die Erschließung der anderen Tasche gemacht und mit diversen Muscheln und Hosenknöpfen auch eine zusammengedrückte Kapsel von einer Weinflasche an den Tag gebracht.
»Und was willst du damit?«
»Die will ich verkaufen.«
»Verkaufen?«
»Ja, Willy Steinmann sagt, wenn man 'n Pfund davon hat, dann kann man sie verkaufen, und das Geld will ich mir dann aufsparen, und dann seh' ich zu, daß ich immer mehr dazu krieg', bis ich fix reich bin.«
Aah – daher pfeift der Wind! Er hat offenbar von jenen »gemeinnützigen« Geschichten gekostet, in denen immer erzählt wird, wie irgend jemand schon als sechsjähriger Knabe jede Stecknadel aufhob, jede Gänsedaune für ein künftiges Kopfkissen reservierte und so schließlich ein ungeheuer großer, reicher und berühmter Kaufherr wurde. Ich habe nie die Ueberzeugung loswerden können, daß diese Geschichten von Spekulanten, Bankdirektoren, Testamentsvollstreckern, Schwankdichtern und ähnlichen Leuten erfunden worden sind, um die andern Leute von der Fährte abzulenken. Mein Junge – wenn du der Sohn deiner Eltern bist, so wirst du diesen »fremden Tropfen in deinem Blute« bald wieder hinauswerfen, davor ist mir nicht bange. Stecknadelnsammeln liegt nicht in der Familie.
»Na, und wenn du nun ›fix reich‹ bist – was dann?«
»Dann kauf ich mir Kühe und Ochsen und 'n Geographiebuch.«