»So.« Bei mir war es immer ein Schloß. Das wollt' ich mir bauen, wenn ich reich wäre. Ich sehe noch heute die breite, schimmernde Marmortreppe, auf deren oberster Stufe ich stehe als ein Grand-Seigneur, um im nächsten Augenblick mit vornehmer Gelassenheit hinabzusteigen. Oder ich lag auf einem Ruhebett hingestreckt und sah durch hohe Bogenfenster weiße Wolken durch blaue Himmelsfluren ziehen – langsam – so langsam. Oder ich hielt auf der Zugbrücke hoch zu Pferd, die Faust auf den Schenkel gestemmt, und sah in einem Blick Täler und Berge, Wälder und Ströme. Ich möchte fast mit Lessing glauben, daß es eine Wiedergeburt in dieser Welt gibt, daß wir mehr als einmal auf dieser Erde erscheinen. Vielleicht daher diese leisen, fernen, geheimnisvollen Erinnerungen, die wir uns nicht erklären können. Und ich fürchte, ich fürchte: ich bin – vielleicht im dreizehnten Jahrhundert oder so – ein wenig beschäftigter Junker gewesen. Ich habe seitdem noch immer eine merkwürdige Neigung, mit dem Schauen nach schwebenden Wolken und mit dem Reiten durch rauschende Täler meinen Unterhalt zu verdienen.

Während diese Erinnerungen schnell wie Schwalbenflug vor meinem inneren Blick vorüberziehen, stößt meine Frau plötzlich einen heftigen Schrei aus und springt vom Stuhl empor. Sie muß auf etwas Entsetzliches gestoßen sein; denn sie ist von Natur sehr mutig. Sie würde ihr Kind aus dem Rachen des Löwen reißen wie jene berühmte Mutter von Florenz. Es muß etwas Furchtbareres sein als ein Löwe. Und so ist es. Es ist ein »Gemeiner Mistkäfer«, Geotrupes stercorarius, den meine Frau von ihren Fingern fortgeschleudert hat und der jetzt langsam auf den Dielen dahinkriecht.

»Ooh, mein Käfer!« jammert Erasmus.

Das Krabbeltier ist aus einer Streichholzschachtel entwischt und hat sich frei in der Hosentasche ergangen. Während meine Frau noch immer ein bißchen weiß um die Nase ist, hat Erasmus das Tierchen aufgenommen und läßt es mit geradezu wissenschaftlicher Kaltblütigkeit und Vorurteilslosigkeit über seine Finger krabbeln.

»Wozu hast du den denn gefangen?«

»Für 'ne Käfersammlung.«

»Na – weißt du – das halt' ich eigentlich für unnötig. Du kannst ihn dir auch so ordentlich ansehen. Und dann kannst du ihn jedes Jahr in ungezählten Mengen wiederfinden. Wenn's was Seltenes wäre, wollt' ich nichts sagen. Was selten ist, muß immer dran glauben. Aber das verstehst du noch nicht. Also: ich denke, du läßt ihn laufen, he? Andere Mistkäfer wollen auch leben.«

Mit schnell aufblitzendem Blick sieht er mir forschend in die Augen, dann lächelt er und betrachtet verstohlen seine Hände. Sie sind heute zum zweitenmal gewaschen und zum drittenmal schmutzig. Er gebraucht sie ungeniert und fleißig, wenn er in Haus und Garten, Feld und Wald naturforschend sich ins All versenkt.