An den Gegenständen, die der zweiten Tasche entstammen, zuletzt an der Streichholzschachtel, sowie an der rechten Hand meiner Frau ist uns mehr und mehr eine merkwürdig übereinstimmende Röte aufgefallen. Jetzt kommen wir auch dem Ursprung dieser Farbe nah: ein beträchtliches Stück Rötel hat offenbar schon ein paar Tage in diesem Raume zugebracht und dessen Wände mit einem gleichmäßigen Rot bedeckt. Endlich findet sich noch ein schön abgeschliffenes, eirundes Rollsteinchen vom Meeresufer.

»Was ist denn das?«

»Das ist 'n Glücksstein.«

»Ein Glücksstein?« –

Das kann stimmen. Wer sich an solch einem Steinchen freut, der ist glücklich.

»Wo hast du denn die hübsche kleine Silbermünze gelassen, die du neulich hattest?«

»Och, die hab ich Georg Petersen gegeben, der will mir achtzehn Fahnen und fünfundzwanzig Lanzen dafür geben.«

Seine Augen leuchten.


Ja, das sind so Augenblicke, in denen einem das Herz ein wenig groß und das Auge – Verzeihung! – ein wenig warm wird. Denn man denkt an die vielen Male, daß dieser junge Mann in seinem Leben noch betrogen werden wird. Was wird dem sein guter Glaube noch kosten! Man fragt sich, ob man nicht unrecht tut, wenn man einem Kinde sagt: »Sei immer wahr!« – ob man es nicht wehrlos macht. Man säh es so gern das Gebot der Wahrhaftigkeit befolgen, und man sieht dabei alle die Leiden voraus, die dann seiner warten. Also dem Achtjährigen schon sagen: »Paß auf, daß du nicht betrogen wirst!?« – Nein. Nein. Es lieber der Zeit überlassen, die schließlich doch den Arglosesten warnt. Bei manchem braucht's freilich viel Zeit. Und dann ist ja auch der Mensch so genial konstruiert, daß er einen merkwürdig großen Wert darauf legt, nicht aus fremdem Schaden zu lernen, sondern selbst betrogen zu werden. Und dann ist es ja auch vorteilhaft, sich mäßig betrügen und belügen zu lassen. Zu viel ist freilich hier wie überall vom Uebel. Wer gar zu leicht zu betrügen ist, der verleitet schließlich auch honette Leute. Die sagen dann: »Na – wenn er selbst nicht anders will – –« Man glaubt nicht, wie verderblich ein einziger Vertrauensseliger für ein ganzes Rudel von ziemlich anständigen Menschen werden kann. Aber sonst –: Die Leute vom Adel haben ganz recht: Sich mäßig betrügen lassen, gehört zum Adel. Wer einen Rock zu vierzig Mark für fünfzig Mark verkauft, wer im niederen oder höheren Pferdehandel einen Gentleman hineinlegt oder wer das Drama eines Rivalen aus dem Spielplan hinausintrigiert, damit er noch ein bißchen mehr Ruhm mit Tantièmen ergattere – und wer sich bei alledem steif und fest einredet, Klugheit und Vorteil seien auf seiner Seite und nur auf seiner Seite – ja, wer wollte solch einem armen Teufel das kleine Vergnügen des Betruges nicht gönnen?! Man zahlt je nach seinen Verhältnissen die zehn Pfennig oder die zehn Goldstücke oder die zehn braunen Scheine, und wenn man den Betrug merkt, lacht man sich ins Fäustchen und freut sich, daß man keine Wanze ist; und was einem leid tut, ist nur der arme Kerl, der nun womöglich ganz stolz ist auf seinen »Coup«.