Dabei hätte sie aber das Bündel Weltbürgertum beinah auf den Boden fallen lassen, und nur einem schnellen Griff der Wärterin verdankte der junge Helmerding sein Fortbestehen.
Der junge Helmerding war der Erstgeborene des alten. Dieser war aber noch gar nicht alt, zählte vielmehr erst behäbige vierzig Jahre. Mit neununddreißig hatte er sich verheiratet, nachdem er kurz vorher in einem Bauunternehmen einen kapitalen Zug getan und gleichzeitig in Erfahrung gebracht hatte, daß Frau Helmerding ihm vierzigtausend Taler mitbringen würde. Es gibt eine unkeusche Leichtfertigkeit, die früher heiratet, als solche Bedingungen gegeben sind, und Kinder auf Kinder in die Welt setzt. Wie konnte bei solchen Existenzen von jener wahrhaftigen, ruhigen, tief-sittlichen Vaterfreude die Rede sein, die er empfand, als er von der Fondsbörse zurückgekehrt war, das stille Glück der gestiegenen Kurse in der Tasche und das schreiende eines jungen Erben in den Armen! Der Junge sollte aber eine Erziehung genießen, daß sich der –! In die teuerste Schule, das stand fest. Wir haben es ja dazu.
Als man der Mutter davon sprach, daß das Kind, damit es sie nicht störe, in einem andern Zimmer bei der Amme schlafen solle, wäre sie fast außer sich geraten. So die Gefühle einer Mutter zu verletzen! Ha, eine Löwin, der man ihr Junges rauben will! Als aber der junge Löwe schon die erste Nacht unausgesetzt brüllte, weil er nicht schlief, erteilte sie am Morgen jenem Vorschlag ihre Genehmigung.
Der süße Willy machte jetzt einen nächtlichen Kursus für Lungengymnastik durch. Vermöge einer Ausdauer, die die beseligendsten Hoffnungen für seine spätere Entwickelung erwecken mußte, brachte er es bald dahin, daß beim Schreien sein edel gebildetes Profil hinter der Mundöffnung verschwand. Ein an poetischen Vergleichen reicher Mann würde den Mund in solchen Augenblicken einer aufgeklappten Zigarrenkiste nicht unähnlich gefunden haben. Was dem süßen Willy noch an Fülle und Rundung des Tones abging, ersetzte er durch Haarwurzelfeinheit des Timbres und durch warm beseelten Vortrag. Und in seinem noch unerhellten Bewußtsein lebte unverkennbar ein Nachklang aus den glücklichen Zeiten der Folter. Wenn nämlich seine Amme in die süße Wollust des Entschlummerns versank und sich dort befand, wo wir nach Egmont »aufhören, zu sein«, begann der süße Willy zu schrein, sicher intonierend, den ersten Ton fest und kräftig aufsetzend, wie die Gesanglehrer sagen. Wenn dann die Amme, durch dieses eigenartige Zusammentreffen natürlich auf das angenehmste überrascht und erheitert, das unschuldige Wurm seinen seidenen Kissen entnahm, beeilte sich dieses, durch ein souveränes Lächeln auszudrücken, daß es mehr als Beschränktheit sei, wenn man glaube, ihm fehle irgend etwas. »Im Gegenteil!« leuchtet' es aus seinen edel-feurigen Augen, »toujours fidèle et sans souci!« Von neuem sorgfältig zum Schlaf gebettet, war er so rücksichtsvoll, mit dem Beginn der zweiten Konzertnummer zu warten, bis das Bewußtsein der Amme wieder zu neun Zehnteilen in bessere Gefilde entschwebt war und nur noch mit dem Rest im schlechten Diesseits verweilte. Hatte sich dieser Vorgang während der Nacht fünf- oder sechsmal wiederholt, so war die Amme am Morgen in jener Stimmung, aus der die Kündigungen und schroffen Abschiede hervorzugehen pflegen. Befolgte aber eine andere Amme das manchen Orts gelobte Prinzip: »Schreien lassen, was die Lunge hergeben will«, so blieb eine derartig rohe und herzlose Person natürlich keine acht Tage im Hause der liebevollen Helmerdings. Große Männer verbrauchen die Menschen ihrer Umgebung schnell. Da Willy ein großer Mann werden sollte, so verbrauchte er schon im ersten halben Jahre seines Lebens vier Ammen.
Es gehört zu den innigsten Ergötzungen eines Menschenfreundes, die Jugend eines großen Mannes zu durchforschen und in tausend kleinen Zügen eines von den trefflichsten Eltern herangebildeten kindlichen Charakters schon das Bild des späteren Menschen vorgebildet, in dem stillen Weben seiner Entfaltung schon die Kräfte seines zukünftigen Strebens und Wirkens tätig zu sehen. Seit Vollendung seines ersten Jahres wurde der süße Willy von seinen Eltern regelmäßig mit zur Tafel gezogen. Eine umfassende Geschmacksbildung offenbarte sich schon hier, und seinem strategischen Ueberblick entging kein Braten, kein Kompott, kein Ragout, kein Salat. Sein Verlangen, von jeder Schüssel zu erhalten, deutete er der Einfachheit halber durch ein mäßiges, fünf Sekunden langes Gebrüll an. Wurde sein Wunsch aus irgendeinem Grunde nicht sofort erfüllt – an dem guten Willen der Eltern mangelte es gewiß nicht –, so ergriff er mit ruhiger Entschlossenheit das nächste Mittel, d. h. die nächste Schüssel, um sie auf den Boden zu befördern. Mit einem sanften Verweis legte ihm alsdann die Mutter das Gewünschte reichlich auf den Teller. Wir würden jedoch aus dem Charakterbilde des süßen Willy den wesentlichen Zug des leicht verletzten Ehrgefühls fortlassen, wenn wir nicht betonten, daß er auf jenen Verweis wieder mit einem etwas gesteigerten Gebrüll von fünf Sekunden antwortete und seiner Mutter mit den zierlichen Stiefelchen gegen die Beine stieß.
Eine vornehme Verachtung der Magenfreuden bekundete Willy, sobald er satt war. Wenn er mit dem Löffel in die Suppe klatschte, daß die Spritzelchen umherflogen, oder wenn er den Finger in die Sauce tauchte, um sinnige Figuren auf das Tischtuch zu malen, so war der Vater in seiner philiströsen Auffassung der Kindesnatur vielleicht brutal genug, ihm das ernstlich zu verbieten; aber das weiche Herz der Mutter empfand richtiger.
»Was du das Kind auch immer kommandieren mußt! Kinder sind doch Kinder! Das arme Wurm weiß ja noch gar nich, daß er das nich darf. Muß nich wiedertun, hörs, mein Süßen?«
»Willy will aber malen!« Und Willy malte einen Kreis, der einen Kopf bedeuten sollte.
»Willy, du solls das nich tun!« mahnte die Mutter.