Willy Helmerding sollte neben vielen anderen Sterblichen dazu berufen sein, der ärztlichen Wissenschaft wiederholt ein so glänzendes Fiasko zu bereiten, daß dem Verfasser der »Kreutzer-Sonate« das Herz im Leibe gelacht hätte, wenn er es hätte beobachten können. Da zeigte es sich wieder einmal klar und offenbar, daß diese Herren Doktoren nicht einmal imstande sind, den einfachsten Darmkatarrh zu heilen. Unleserliche Rezepte konnten sie schreiben; aber so weit war ihre Wissenschaft natürlich nicht gediehen, daß sie die Annahme in Betracht zog, Willy werde vielleicht beim Einnehmen der Mixturen die Zähne zusammenbeißen und die köstliche Flüssigkeit der Wärterin ins Gesicht prusten! Einem ohnehin schon geschwächten Magen diätetische Enthaltung zumuten – einem fiebernden Kinde eiskalte Duschen verordnen: das waren noch die harmlosesten Einfälle ihrer vivisektorischen Grausamkeit. Ein wahres Wunder, daß sich nach all den Pfuschern endlich dennoch ein Arzt fand, der alle Schwierigkeiten auf ebenso überraschende wie leicht verständliche Weise löste! Dieser Mann bemerkte den Eltern mit seinem Spott, daß die letzte Ursache von Willys Krankheit in ihrer Affenliebe zu suchen sei und daß dem Kinde nichts fehle als ein Paar weniger bornierte Eltern. Da sah man auf den ersten Blick: der Mann hatte was gelernt! Herr Helmerding und Frau hörten seinem diagnostischen Vortrage mit offenem Munde und einem höchst intelligenten, entzückt-verbindlichen Lächeln zu. Uebrigens, hatte der Arzt in seiner verblümten Weise weiter erklärt, könne es ihm ja einerlei sein, ob sie ihr Kind zur Futtertonne machen wollten oder nicht; wenn man aber seine Anordnungen nicht befolgen wolle, so möge man sich nicht unterstehen, ihn rufen zu lassen; er werde sonst ihrem Boten die Tür weisen. Seltsamerweise gesundete Willy nach den Rezepten dieses Arztes auffallend schnell, und damit war wieder einmal bewiesen, wie sehr in der Medizin der Gebrauch der deutschen Sprache dem der lateinischen vorzuziehen ist.

Eine der traurigen Folgen von Willys Grundübel war auch ein länger andauerndes Ohrenleiden, dessen Heilung regelmäßige Einspritzungen erforderte. Solche Prozeduren pflegen trotz der Versicherungen der Aerzte niemals sehr angenehm zu sein, wie man denn überhaupt auf das subjektive Urteil der Aerzte in dieser Hinsicht nicht viel geben und es z. B. sehr wohl erleben kann, daß einem nach der mit gewinnender Liebenswürdigkeit gegebenen Versicherung, es handle sich um eine ganz leichte und schmerzlose Operation, ein Bein abgesägt wird. Immerhin aber erschien es übertrieben und nicht ausreichend motiviert, wenn Willy bei jedem Herannahen einer solchen Dusche eine Art Kannibalentanz ausführte und diverse Gegenstände zerschlug oder zertrat oder zerriß oder seine Mutter in den Finger biß. Der geschäftskluge Papa sah sehr bald ein, daß er bei weitem billiger »wegkomme«, wenn er seinem Einzigen für jede Einspritzung, die er sich hübsch gefallen lasse, eine Reichsmark verspreche. Und das tat er.

»Erst hinlegen!« bemerkte Willy mit treuherziger Offenheit; denn er hatte seinen Vater längst als das Muster eines klugen Mannes kennen gelernt.

Die Blicke der beiden Eltern begegneten sich in einem seligen Lächeln. Ein Blitzjunge!

»Na da, da liegt es!«

»Das sind ja nur zehn Pfennige!«

Papa wollte sich ausschütten vor Lachen und rückte endlich mit einer Reichsmark heraus.

Das Geld durfte Willy nach eigenem Belieben verwenden, und da er in jedem erreichbaren Konditor-, Viktualien-, Spielwaren- und Tabakladen erprobte, was er mit seiner Kasse erlangen könne, lernte er schon früh den Wert des Geldes schätzen.

Der scharfsinnige Leser wird sich längst gesagt haben, daß Willy im Verkehr mit anderen Kindern von bestrickenden Umgangsformen gewesen sein muß. In den ersten Jahren seines Knospendaseins hatte er immer einen großen Heiterkeitserfolg damit erzielt, daß er der Amme, seiner Mutter oder seinem Vater ins Gesicht schlug. Wenn Fremde zum Besuch da waren, wurde der in Freiheit dressierte Willy vorgeführt.