»Willy, schlag mich mal,« ermunterte die Mutter.
Willy, weit entfernt, sich zu zieren, schlug sie mal.
»Is das nu nich zu süß?« fragte Frau Helmerding.
Kein Gast konnte umhin, zu konstatieren, daß das in der Tat zu süß sei.
Willy setzte diese Produktionen in seinen späteren Jahren mit wachsendem Erfolge fort. Es war ihm Bedürfnis, fremde Kinder zu knuffen, bei den Haaren zu zupfen und zu stoßen, daß sie auf die Nase fielen. Doch bewahrte er immer die pietätvolle Rücksicht, die er, wie er wußte, älteren und größeren Kindern schuldig war; nur kleinere beglückte er mit seinen Gunstbezeigungen. Mit Vorliebe führte er seine Angriffe hinterrücks aus, einzig aus dem Grunde, weil so die Ueberraschung größer wurde. Verfolgten ihn dann die Betroffenen, so wurde er sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt, und wie rasend lief er davon, unausgesetzt »Mamaaa« brüllend, bis er seine Haustür erreicht hatte und wieder im Dunstkreis der mütterlichen Liebe atmete. Dann plötzlich wurde er sich seiner Würde mannhaft bewußt; er reckte sich zu seiner ganzen Höhe empor, ließ den Verfolger mit erhabener Kaltblütigkeit herankommen und spie ihm ins Gesicht. Keine Fischotter ist jemals behender ins Wasser geschlüpft, als Willy nach solcher Heldentat ins Haus glitt.
»Sie woll'n mir schon wieder 'was tuuun!« heulte er alsdann seiner Mama mit dem ganzen Schmerz eines bedrängten Kindes entgegen. Und wehe dem Vater oder der Mutter, die dann zu Frau Helmerding kamen, um sich über Willy zu beschweren.
»Höheres bildet
Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne,
Als die Mutter mit ihrem Sohn,«
wie sie dastanden: sie »ihr Kind« – das Wort »Kind« läßt sich mit so unschuldsvollem, alles verzeihendem Klange sprechen – ihr »Kind« verteidigend: »Das Kind? Das Kind? Oh – – –« und er hinter dem Rock der Mutter mit Grimassen hervorschielend.
Mit derselben Leidenschaft, wenn auch natürlich aus gesellschaftlicher Rücksicht dezenter, kniff und puffte Willy die Kinder, die mit ihren Eltern bei Helmerdings zum Besuch kamen. Der Lärm, der sich darauf erhob, wurde regelmäßig dadurch abgeschnitten, daß die besuchenden Eltern, wie es sich gehört, ihre Kinder wegen ihrer Ungezogenheit energisch tadelten. Die Höflichkeit ist eine so gefräßige Tugend, daß sie oft alle andern verschlingt. Die Erwachsenen, die Willy beim Kommen zunächst fragte, ob sie ihm etwas mitgebracht hätten, beehrte er damit, daß er an ihnen emporkletterte, an ihren Kleidern seine Stiefel abwischte, ihnen die Brillen von der Nase riß, sie mit Zigarrenasche bewarf und durch höchst wißbegierige Fragen nach ihren persönlichsten und delikatesten Angelegenheiten unterhielt. Freilich muß konstatiert werden, daß die Besucher ihn in diesen Aufmerksamkeiten ermunterten, indem sie den zärtlich mahnenden Eltern gegenüber bemerkten, oh, das schade nichts, das mache nichts aus, der Rock könne leicht wieder gereinigt werden; sie möchten ihren Willy doch gewähren lassen; er mache ihnen Spaß …