So? Ob er das wirklich tue …
Natürlich tue er das. Sie würden Himmel und Seligkeit verschworen haben, daß er »ein lebhafter, drolliger Bursche« sei, eine Kritik, die sie auf dem Heimwege auch insoweit bestätigten, als sie der Meinung waren, daß »die guten Helmerdings sich da eine allerliebste Kreatur heranzögen«.
Es versteht sich, daß Willy den ersten Unterricht im Hause empfing, zu seinem Unglück jedoch von Leuten, die einer wie der andere ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren, und denen Herr Helmerding ihr Gehalt – er trug seine Goldstücke und Kassenscheine frei in der Westentasche, und aus der Westentasche bezahlte er – hinwarf mit der Frage, wie sie sich erdreisten könnten, sich als Erzieher »ängaschieren« zu lassen, da sie doch »keine blasse Ahnung« davon hätten, wie man mit Kindern umgehen müsse.
Den sehr begreiflichen Elternwunsch, das Kind fern vom bösen Beispiel fremder Kinder zu erziehen, mußten sich also die Helmerdings aus dem Sinn schlagen.
Zur Ehre des Mutterherzens muß gesagt werden, daß Willy den ersten Tag seines Schullebens nicht zu bestehen brauchte, ohne mit einem halben kalten Huhn, einem Fläschchen Rotwein, zwei Apfelsinen und einem halben Pfund Bonbons ausgerüstet zu sein, und nicht minder muß zur Ehre des Vaterherzens anerkannt werden, daß dieses Vaterherz anspannen ließ und seinen Liebling mit zwei Pferden der »Vorschule des Gymnasiums« zuführte. Die ersten Schulwochen verliefen ohne bemerkenswerten Zwischenfall; für alle Stunden zeigte der junge Helmerding insofern ein gleichmäßiges Interesse, als er in allen an die Vertilgung seines Frühstücks dachte und die Bewältigung dieses Stoffes ihm eine stets unverminderte Aufmerksamkeit abnötigte. In einem etwas anderen Sinne als der junge Lessing war er »ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß«. Den Unterrichtsgegenständen gegenüber zeigte Willy jene Schwäche und Zartheit, welche die Mutter dem Lehrer von vornherein unter zehnmaliger Anrufung seines schonungsvollen Mitgefühls als die hervorragendsten Eigenschaften »des Kindes« bezeichnet hatte. Mit mimosenhafter Empfindlichkeit verschloß sich sein Geist vor der Berührung jeglicher Erkenntnis, und das »Noli me tangere« (zu deutsch: Nichts tangiert mich) war der unveränderliche Ausdruck seines Angesichts. Sein Gesicht gehörte freilich zu den in Romanen häufig erwähnten, die sich »nur in gewissen Augenblicken seltsam zu beleben scheinen«. Diese Augenblicke waren für Willy gekommen, sobald die Spielpause begonnen hatte. Auf dem Spielplatz erwarb er sich rasch eine allseitige Unbeliebtheit, gewann er im Sturme die Abneigung aller. Er bemerkte mit großem Schmerze, daß die Durchführung des Kneif- und Puffsystems hier auf fühlbaren Widerstand stieß. Das Verhältnis zwischen dem Hause Helmerding und der Schule blieb gleichwohl längere Zeit vorzüglich, bis – Willy mit nicht guten und endlich gar mit schlechten Zeugnissen nach Hause kam.
Jetzt hielt Herr Helmerding sen. den Augenblick für gekommen, da er dem Direktor der Schule in einer energischen Ansprache die kolossalen Mängel seiner Anstalt und die Grundverkehrtheit der dort beliebten erzieherischen Maßnahmen explizieren müsse. Er tat dies unter wiederholter Betonung des Umstandes, daß »sein Kind« doch das Kind »wohlhabender«, »gebildeter« und »angesehener Eltern« sei. Der Direktor, der ein so ruhiger Mann war, daß seine Ruhe immer als die ausgesuchteste Höflichkeit erschien, erlaubte sich die Bemerkung, daß es immer etwas Mißliches habe, so abschließend über Dinge zu urteilen, von denen irgend etwas zu verstehen man nicht die Verpflichtung habe. Er unterbreite Herrn Helmerding hiermit die Protokolle, in denen nur die gröbsten Untaten und Nachlässigkeiten des Schülers Willy Helmerding verzeichnet ständen, in der Ueberzeugung, daß die Statistik eine vorzügliche Wissenschaft sei. Uebrigens könne er Herrn Helmerding Vater schon jetzt die Eröffnung machen, daß Helmerding Sohn aller Voraussicht nach das Klassenziel nicht erreichen und deshalb zu Ostern sitzen bleiben werde. Worauf Herr Helmerding meinte, das werde man – oho! – erst einmal abwarten, es gebe ja noch andere Schulen, in die man alsdann seinen Sohn bringen werde, und die wohl die »Individualität der Schüler« (das hatte Herr Helmerding irgendwo gehört) gerechter zu beurteilen verständen. Der Herr Direktor bemerkte darauf mit einem unsäglich betrübten Gesicht, daß er untröstlich sei, vor dieser Drohung nicht in dem Maße erschrecken zu können, wie es vielleicht wünschenswert wäre, daß seines Wissens keine Schule um träge und schlecht erzogene »Individualitäten« so dringend verlegen sei, und deshalb besonders eine staatliche Schule sich nicht in der glücklichen Lage sähe, den Fortgang eines Willy Helmerding mit versammeltem Lehrpersonal zu beweinen.
Auf dem Heimwege suchte der knirschende Vater nach einem möglichst entwürdigenden und verachtungsvollen Ausdruck für den Direktor. Seine ganze, grenzenlose Geringschätzung dieses Subjekts sollte sich in diesem Ausdruck erschöpfen. Es währte nicht lange, bis Herr Helmerding diesen Ausdruck in dem Worte »hungrig« fand. Er konnte sich keine schimpflichere Charaktereigenschaft denken als den Hunger. »So'n hungriger Schulmeister!« knirschte er also, »so'n hungriger Schulmeister!«
Zu Hause angelangt, bemühte er sich redlich und aufrichtig (jeder Unparteiische mußte das anerkennen), seiner Gattin und seinem Sohne einen klaren Begriff davon zu geben, »wie er dem Herrn Direktor den Marsch geblasen habe«, und seine ausführliche Darlegung schloß er mit der an seinen Sohn gerichteten, innig-warmen, aus der Tiefe des Vaterherzens kommenden Mahnung, »sich man nix gefallen zu lassen«.
Trotzalledem! Das Unerhörte geschah; man hatte die Stirn, dem Ehepaar Helmerding um Ostern mitzuteilen, daß der süße Willy sich noch einmal den Unbequemlichkeiten des elementarsten Unterrichts zu unterziehen haben werde. Jetzt aber erschien Frau Helmerding im Amtszimmer des Direktors.
Daß ihr Willy nicht versetzt sei, liege natürlich nur daran, daß der Lehrer seine Pflicht nicht getan habe. Der wirklich mit einer niederträchtigen Ruhe begabte Direktor antwortete, ohne auf den Tenor dieser Bemerkung einzugehen, mit einem sehr instruktiven und ungemein fesselnden Vortrage über Gerichtswesen im allgemeinen und Injurienprozesse im besonderen, wobei er besonderes Gewicht auf die Tatsache legte, daß solche Prozesse bedauerlicherweise nicht immer mit Geldstrafen, sondern gegebenen Falles auch mit einer sehr lästigen Unfreiheit der Bewegung für den Verurteilten endigten. Den herbeigerufenen Lehrer fragte das gekränkte Mutterherz, ob er ihren Willy wohl nicht leiden möge, daß er ihn nicht versetzt habe. Worauf dieser weniger ruhige, dafür aber desto derbere Herr sie fragte, ob sie glaube, daß er jeden verzogenen Faulpelz mit derselben Affenliebe behandeln könne wie die resp. Mütter? Worauf die beleidigte Mutter erklärte, daß sie ihren Sohn hiermit »unwiderruflich« abmelde und ihn nicht einen Tag länger in einer Schule belassen werde, in der er solchermaßen um den Lohn seines Strebens betrogen werde. Worauf der ruhige und schweigende Direktor sich deutlich von seinem Sessel erhob und wiederholt abwechselnd mit je drei Sekunden langem Verweilen auf Frau Helmerding und auf die Tür blickte.