Willy wurde einer Privatschule übergeben – selbstverständlich! – mit hohem Schulgeld – selbstverständlich! Der Vater betonte dem Vorsteher gegenüber mit besonderem Nachdruck, daß für Willy Helmerding ein hohes Schulgeld bezahlt werde. Der Vorsteher klopfte Willy auf die Backen mit der Versicherung, daß er hier schon etwas lernen solle; dafür wolle er schon sorgen, der Herr Vorsteher. Dieser Herr entwickelte dann vor Herrn Helmerding in aussichtsvollen Worten sein pädagogisches Programm, in dessen Geiste sein Lehrpersonal wohl oder übel arbeiten müsse – er dulde nicht, daß auch nur ein Strich anders gemacht werde, als er es wünsche, das heiße: von den Lehrern; von den Schülern dergleichen zu fordern, bemerkte der Herr Vorsteher mit einem sonnigen Blick auf Willy, würde natürlich grausame Pedanterie sein. Aus welchem allen sich denn auch mit leichter Mühe schließen lasse – eine Schlußfolgerung, die er wohl nur bescheiden anzudeuten brauche –, daß die großen Erfolge seiner Schule im Grunde genommen einzig und allein auf seine Leitung zurückzuführen seien. Keine Schule könne so sehr die Individualität der Schüler berücksichtigen wie die seine. Hier könne Herr Helmerding etwas erleben an Berücksichtigung der Individualität – oh – es sei überhaupt gar nicht zu sagen, wie man hier berücksichtige. Hier geschehe überhaupt nichts anderes als Berücksichtigung der Individualität. Jeden Buchstaben, jeden Ton im Gesangunterricht, jeden Lehrsatz der Geometrie erzeuge resp. beweise der Zögling nach seiner Individualität, selbst wenn diese Individualität dahin ziele, den Lehrsatz nicht zu beweisen. Wenn sich Herr Helmerding oder sein kleiner braver Willy (ein wohlgefälliges Kitzeln des vorsteherlichen Zeigefingers unter dem Kinn des Zweihundertmarkschülers) durch die Maßnahmen der »Lehrpersonen« belästigt fühlten, so möchten sie nur zu ihm kommen; Gerechtigkeit sei sein Lebensprinzip.
Diese Schule war in gewissem Sinne das Ideal einer demokratischen Institution, insofern nämlich, als sie von sämtlichen Eltern geleitet wurde. Da die Eltern freilich ihre pädagogischen Anregungen von ihren Kindern erhielten, so waren im letzten Grunde diese die Herren des Schulorganismus. Der Disziplin, welche in dieser Anstalt herrschte, glaube ich kein größeres Lob aussprechen zu können, als wenn ich sage, daß sie eminent gemütlich war. Den Lehrern wurde stets nach wiederholtem Bitten bereitwillig das Wort erteilt, und es war keineswegs ausgeschlossen, daß man ihren Ausführungen einige Beachtung schenkte. Die ernsten Mahnungen und Drohungen der Lehrer wurden stets mit einem bescheidenen, aber unbefangenen Lächeln aufgenommen.
Leider stand die Beschränktheit der Lehrer oft den besten Absichten des Herrn Vorstehers im Wege. Er konnt' es nicht begreifen, wie ein geschulter Pädagoge auch nur einen Augenblick schwanken konnte, den August Papendieck auf zwei Tage vom Schulbesuche zu dispensieren, wenn die Schwägerin seines Großonkels Geburtstag feierte.
»Wollen Sie mir denn meine Schüler mit Gewalt vertreiben? Wenn wir den Knaben nicht auf zwei Tage dispensieren, so fehlt er vier Tage ohne Erlaubnis, und die Eltern sind beleidigt. Was meinen Sie, wenn die Papendiecks mir ihre vier Kinder aus der Schule nehmen, he? Dann sind achthundert Mark jährlich zum Teufel wie gar nichts, die wertvollen Geschenke nicht einmal gerechnet! Sie geben sie mir nicht wieder. Die Stapelfeldts waren auch hier und beschwerten sich bitter über die schlechten Zeugnisse ihres Emil.«
»Er hat die Zeugnisse bekommen, die er verdient.«
»Ach was, Ihre Schüler haben immer schlechte Zeugnisse. Sie beurteilen alles viel zu streng. Wir sind doch keine staatliche Schule! Das muß anders werden. Das geht nicht, das geht nicht, das geht nicht so weiter! Sie haben mir mit Ihrem finsteren Wesen schon mehrere Schüler vertrieben. Wo soll das hinaus? Wenn Sie mir die Schule verderben, so bleibt mir andererseits nichts übrig, als mein Lehrpersonal zu vermindern, seh'n Sie.«
»Ich werde Ihnen die Arbeiten des Jungen zeigen –«
»Ach Gott, das weiß ich ja! Schmierfink erster Klasse – aber das hilft uns alles nichts, lieber Herr Müller! Die Zensuren des Jungen müssen sich bessern, sonst – Sie sollten die Mutter kennen! Salpetersäure ist Mandelmilch gegen die!«
Wer aus unserer Schilderung nur ein annähernd richtiges Bild des Herrn Vorstehers empfangen hat, wer nur halbwegs nachempfunden hat, wie lebhaft dieser Mann für seine Zöglinge fühlte, welches Interesse er an ihnen nahm, der wird es mehr als begreiflich finden, daß der Mann eine bedenkliche Neigung zur horizontalen Lage zeigte, als man ihm eröffnete, Willy Helmerding müsse wiederum sitzen bleiben.