»Aber wissen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß der Knabe gerade zu dem Zwecke zu uns gebracht wurde, daß er nicht sitzen bleibt? Willy Helmerding wird versetzt, muß versetzt werden, unter allen Umständen muß er versetzt werden; ich habe dem Vater schon längst das Versprechen gegeben.«

»Der Knabe ist nicht halb reif für die nächste Stufe –«

»Hilft nichts; Sie hören ja, daß ich gebunden bin. Die Helmerdings sind reiche Leute; bedenken Sie deren Einfluß. Im Handumdrehen ist meine Schule in Mißkredit gebracht. Wir können den Schlingel später einmal sitzen lassen; die Oberklassen erreicht er ja natürlich nie; aber jetzt – wie gesagt – jetzt: auf keinen Fall

Aber, ach, die Versetzung des süßen Willy sollte nur dazu dienen, die Leiden dieses schwergeprüften Kindes noch zu vermehren. Er geriet jetzt in die Hände eines Lehrers, der ein pädagogisches Genie war und in der Schule denjenigen Platz einnahm, den der Verstand des Vorstehers wegen dauernder Abwesenheit nicht ausfüllen konnte. Dieser unentbehrliche Mann hatte die üble Gewohnheit, konsequent zu sein und die Nase zu hoch zu halten, als daß man hätte darauf spielen können. Die an ein ungemein legeres Betragen gewöhnten Zöglinge, die ihm neu übergeben wurden, betrachteten ihn mit Furcht und Haß, was sie jedoch nicht hinderte, ihn bald zu vergöttern und sich am Ende des Schuljahres nicht von ihm trennen zu wollen. Willy war anerkennenswerterweise der erste, der eines Tages den rühmlichen Mut fand, die Zunge bis zur Wurzel herauszustrecken, als ihm der Lehrer eine Unart verwies. Dieser, der für solche Fälle ein prophetisches Gemüt besaß, hatte Willy nicht aus den Augen verloren und beobachtete dessen Zunge gerade im günstigsten Augenblick in ihrer ganzen Ausdehnung, obwohl Willy darauf, daß der Lehrer sie sehe, offenbar gar keinen Wert gelegt hatte. Und dieser unangenehme Mensch, anstatt dem unwissenden Kinde in liebevollen Worten die eigentliche Bestimmung der Zunge klarzumachen, griff zu einer nichts weniger als philanthropischen Maßregel. Die Maßregel, die er ergriff, bestand zunächst in einem Lineal, sodann in der Hose Willy Helmerdings und endlich in einer wiederholten gegenseitigen innigen Berührung dieser Gegenstände.

Man kann sich denken, daß nachmittags ein Uhr fünfzehn Minuten ein Schrei aus gebrochenem Mutterherzen das Haus Helmerding durchgellte, als Willy das Geschehene berichtete. Ganz still habe er gesessen, und kein Wort habe er gesprochen, und dennoch habe »Er« ihn »so furchtbar« geschlagen. O Schmach, es auszudenken! Nur das Auge der Mutter, vom Strahl der Liebe wunderbar erhellt, durch den Instinkt der Zärtlichkeit geschärft, konnte erkennen, wie dies Bekenntnis des Kindes aus dem freiesten Gewissen kam. Also um nichts! Nur um seiner bestialischen Roheit zu frönen –

Bestialische Roheit – Frau Helmerding fuhr vom Sofa empor – das sei das richtige Wort! Frau Helmerding beauftragte ihren Gatten, morgen früh dieses Wort sofort dem Vorsteher zu übermitteln. Im übrigen verlangte sie – das beleidigte Mutterherz hatte ein Recht, alles zu verlangen –, daß der Lehrer sofort entlassen werde. Entweder der Lehrer oder Willy Helmerding. Der brutale Folterknecht oder das gemißhandelte Kind. Aut – aut. Fürstenblut für Ochsenblut.

»Brutaler Folterknecht« sei übrigens auch ein gutes Wort und werde entschieden sehr gut wirken, meinte der Vater.

Nachdem die Gatten sich längere Zeit über die rhetorische und moralische Kraft dieser Worte unterhalten hatten (»Das sagst du ihm, das sagst du ihm, sag' ich dir; ich hätte das gesagt, sag' ihm nur!«), wurde beschlossen, daß beides gesagt werden solle, und daß man eventuell auch von einer »brutalen Roheit« und einem »bestialischen Folterknecht« sprechen könne.