Daß Roswitha bei aller Einfachheit ihrer sittlichen Begriffe in gehobenen Stunden gemeinsam mit Rudi das Räuberhandwerk betreibt und alles, was durch den Garten kommt, »überfällt«, »fesselt« und »beraubt«, mit besonderer Vorliebe mich, weil ich so viel in den Taschen trage, das kann in einem Irrgarten nicht wundernehmen. Verwunderlicher ist schon, daß an der Innenwand der Räuberhütte, in der ich schon viele Jahre als Gefangener geschmachtet habe, ein Abreißkalender, ein Thermometer und ein Telephonbuch hangen.
Daß der Garten der Liebe für Roswitha noch im tiefsten Dunkel liegt, ist selbstverständlich; aber selbst dieser kimmerischen Finsternis entwachsen anmutige Blumen. Sie hatte öfters ein Kind in Begleitung einer Bonne durch unsere Straße spazieren sehen. »Das Kind gehört Dr. Melchers,« sagte Herta bei Gelegenheit.
»Nein, das Kind gehört dem Fräulein!« rief Roswitha energisch.
»Unsinn, Melchers gehört es,« wiederholte Herta, »ich weiß es doch!«
»Ach, was du schnackst!« rief Roswitha. »Dem Fräulein gehört es! Das Fräulein spielt doch immer mit ihm, nich? Un Melchers spielen nie mit ihm.«
So verteidigte sie fanatisch das Mutterrecht des Fräuleins, worauf dieses wahrscheinlich gar kein Gewicht legte.
So viel immerhin scheint Roswitha von der Liebe schon zu ahnen: daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist. Man hatte ihr erzählt, daß die Nonnen niemals einen Mann nehmen dürften. Das versetzte sie in tiefes trauerndes Nachsinnen. Dann aber fuhr sie plötzlich auf und rief: »Dürfen sie denn nicht wenigstens die Mönche heiraten?«
Was die Mönche zu diesem »wenigstens« sagen werden, bleibt abzuwarten.
Nicht wesentlich anders stand es mit der zwölfjährigen Irene, als sie uns erzählte: »Georg hat mir gesagt, er sieht kein andres Mädchen an als mich.«