Das war von Georg deutlich genug; aber da Irene uns die Angelegenheit ohne Umschweife und freiwillig mitteilte, so waren wir beruhigt.

Als sie einmal unversehens in die Küche geraten war und eines der Dienstmädchen bei dieser Gelegenheit mit viel Empfindung Liebesbriefe von seinem Sergeanten vorgelesen hatte, da waren wir beunruhigt. Aber als sie uns dann erzählte: »Anna hat Liebesbriefe vorgelesen, das war sooo langweilig!«, da waren wir wieder beruhigt.

Georg wurde übrigens zum Kaffee eingeladen, erschien ohne jegliche Befangenheit, aß mit derselben Unbefangenheit unglaublich viel Kuchen und spielte dann mit Erasmus und den Mädchen Indianer in einem sehr komischen Kostüm. Er dachte offenbar noch nicht ans Heiraten, sonst hätte er kein komisches Kostüm angelegt. Er war in dem Alter, da man raucht, spielt und liebt, weil es die Erwachsenen tun; er war Toggenburg aus Nachahmung. Nachahmung ist fast alles kindliche Tun und Treiben; aber von einem gewissen Alter ab ahmt man nur nach oben nach. Bei Erasmus und seinen Genossen ging das so weit, daß sie nicht nur Theater spielten (den »Faust« natürlich), sondern sich auch in einer handschriftlichen Zeitung gegenseitig rezensierten. Da hieß es denn: »Der junge Künstler erschöpfte seine Aufgabe leider nicht restlos« oder »Der fleißige Darsteller möge sich nur nicht durch den wohlfeilen Beifall der Galerie zu Unnatürlichkeiten verleiten lassen« usw.

Wir lasen diese Blätter mit ernster Anteilnahme und lachten nicht; denn es ist etwas Heiliges an solcher Kindheit, daß sie keine Ahnung von ihrer Komik hat. Und doch waren diese »Künstler« so komisch wie Roswitha, als sie Maurer spielte und sich dazu eine Kelle geben ließ und eine Blechflasche, über die Schulter zu hängen, und eine Dose mit Kautabak, und fleißig in Lehm und Schlamm arbeitete und dabei doch ein rosa Kleidchen mit Spitzenmanschetten trug.

Ja, sie wollen es gar zu gern den Erwachsenen gleichtun, freilich weniger in dem, was unangenehm und schwierig, als in dem, was angenehm und lieblich ist. Ein kleines Mädel aus befreundeter Familie fragte seine Mutter: »Mama, wann kann ich eigentlich tun, was ich will?«

»Ja,« lachte die Mutter, »damit hat's noch gute Weile. Warum willst du's denn wissen?«

»Ach, dann will ich mir die Haare brennen,« versetzte das kleine Weib.

Aber sie wollen nicht nur erwachsen sein, sie werden es allmählich auch. Sie werden klüger, sie erwachen; Strahl um Strahl dringt Licht in den großen Irrgarten, und das zu beobachten ist ein fürstliches Gaudium, wenn auch oft ein wehmütiges. Der erwachende Intellekt zeigt sich gewöhnlich zuerst als Schlauheit, und wenn er sich bei jenem kleinen Mädel auf die Haare warf, so wirft er sich bei andern Kindern – und öfter – auf den Gaumen.

»Mama, zählt ihr eigentlich das Konfekt, wenn ihr es in den Tannenbaum hängt?« fragte ein kleines Mädchen seine Mutter. Das war ja nun noch eine ziemlich ungenügende Leistung in der Schlauheit; aber sie bringen es mit der Zeit schon weiter.

Bei Roswitha – das muß ich ihr nachsagen – beleuchtet das eindringende Licht gewöhnlich größere Flächen und verbreitert sich zur Philosophie.