»Leibweh is eignlich sehr schön,« meinte sie schon mit sechs Jahren, »denn bespart man sich seine Schokolade auf, un denn hat man nachher noch welche.« Das sind die Anfänge einer optimistischen Weltanschauung, die doch eigentlich darauf hinausläuft, daß man auch an Leib-, Kopf- und Zahnweh das »Schöne« herausfindet. (Bei Zahnweh hält es schwer; aber es geht auch.)
»Teufel, komm un hol sie!« rief sie einmal, als sie über eine streitsüchtige Spielgefährtin heftig erbost war, und dann setzte sie resignierten Tones hinzu: »Schade, daß es keinen Teufel gibt.«
Ihre Philosophie ist also freilich noch die Tochter der Wünsche; aber immerhin philosophiert sie schon wie Voltaire, der behauptete, wenn es keinen Gott gäbe, so müßte man ihn erfinden, und, wenn man's genau nimmt, auch wie Kant, der den lieben Gott absetzte, um ihn wieder einzusetzen.
Ja, sie hatte schon verhältnismäßig früh sozusagen ethische Anfälle. An einem schönen Ostermorgen hatte sie mit bemerkenswerter Findigkeit die meisten Ostereier, selbst in raffinierten Verstecken, gefunden; aber statt sich nun wild in den Genuß zu stürzen, sagte sie: »Bitte, Mammi, bitte, Pappi, versteckt sie noch einmal; ich mag sie so gern suchen.« Hier überwog also schon die Lust des Erringens das Gelüste des Gaumens. Natürlich nicht für den ganzen Tag.
Ihr Gehirn war damals überhaupt schon mächtig an der Arbeit. »Ich möcht', daß ich mal recht viel Zeit hätte!« seufzte sie eines Tages.
»Nanu?« rief ich verwundert. Mehr als vierundzwanzig Stunden am Tage kann man doch nicht gut Zeit haben. »Wozu denn?« fragte ich.
»Denn möcht' ich mal so recht über alles nachdenken!« Sie sagte es langsam, nachdrücklich und sehnsuchtsvoll. Die Welt, das Leben drang in allzu reicher Fülle auf sie ein; sie konnte nicht alles bewältigen; da war so viel, das sie nicht begriff. Es schien eine richtige Sorge in ihr zu sein. O ja, Kinder haben auch manchmal Sorgen, und sie nagen genau so scharf an ihnen wie an uns. Roswitha drängte einmal ihre Mutter, sie möchte ihr doch Unterricht geben.
»Oh, das hat noch Zeit,« meinte die Mutter.
»Aber wie soll ich denn durch die Welt kommen!« rief die Kleine bekümmert.
Sie tanzen sorglos über Abgründe dahin und machen sich Sorgen um den Schatten eines Halmes. Aber es sind Sorgen. Kindereien sind für sie nicht Kindereien. Ich überraschte einmal einen vortrefflichen Mann und berühmten Gelehrten dabei, wie er den Tannenbaum für die Seinen putzte und dabei fortwährend hockend und kniend um den Baum herumrutschte.