»Warum machen Sie denn das?« rief ich erstaunt.

»Ja,« sagte er, »man muß bedenken, daß die Kleinen den Tannenbaum von unten sehen; man muß ihn aus der Perspektive der Kinder schmücken.«

So müssen wir Sorgen und Freuden, Tränen und Lachen der Kleinen aus der Kinderperspektive betrachten.

Wenn man das tut, wird man freilich zu Zeiten heftig überrascht von einem wahrhaft hellseherischen Blick der Kinder in das Leben der Erwachsenen. Roswitha will später einen gewissen »Kurt« heiraten, das steht fest. Sie werden dann in unserm Hause wohnen, und zwar hat die junge Frau die besseren, unteren Zimmer – das muß man ihr lassen – ihren Eltern, die oberen, geringeren sich und ihrem Manne zugedacht.

»Aber weißt du denn schon, ob dein Mann seine Schwiegereltern bei sich haben will?« fragte meine Frau.

»Hach!« rief Roswitha mit unbekümmertem Lachen, »das werd' ich ihm schon so lange vorpredigen, bis er ja sagt.«

Ist diese Kenntnis von der Macht der weiblichen Rede nicht verblüffend? Oder ist das nichts als weiblicher Instinkt?

Und voll, gepfropft voll von rührenden und komischen Wundern ist dann die Zeit, da die Klarheit so weit vorgeschritten ist, daß Bewußtheit und Unbewußtheit das Gleichgewicht suchen und das Zünglein an der Wage unaufhörlich schwankt, die Zeit, da Leib und Seele die Stimme wechseln. Dann wollen sie beides sein, Kind und Weib, Junge und Mann. Dann sind zwei Seelen, ach, in ihrer Brust:

»Die eine hält mit derber Liebeslust
Sich noch ans Spiel mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Duft
Zu den Gefilden hoher –«