ach, so zweifelhaft »hoher« – »Ahnen.« Dann will die vierzehnjährige Roswitha noch in einem höchst primitiven Indianerkostüm als Chingachgook im Garten umherspringen (»Das kann ich doch noch ruhig spielen, nicht, Mutter?«), um zwei Minuten später mit Entrüstung zu rufen: »Ich bin doch kein Kind mehr!« Dann benimmt sich der Faust-Darsteller und Hamburger Dramaturg Erasmus noch wie ein rechter Tertianer. Nicht im Wachen, o nein, da hält er die Ohren steif als Grand-Seigneur, aber im Schlaf. Er redet nämlich aus dem Traum und führt den Dialog weiter, wenn man ihm antwortet. Die Tür zu seinem Schlafzimmer stand offen, als ich vorüberging, und ich hörte ihn laut rufen. »Nanu!« rief er.
»Was ist denn?« fragte ich.
Er (noch lauter und schwer entrüstet): »Nanu!!«
Ich: »Was gibt's denn?«
Er: »Es läutet ja gar nicht!!«
Ich: »Warum soll es denn läuten?«
Er: »Ist doch schon Elf!!!«
Aha! Jetzt begriff ich. Er saß in der Schule, und die Lateinstunde wollte nicht rechtzeitig schließen. Daß so eine Lateinstunde anfängt, ist schon eine Gemeinheit von ihr; aber nicht rechtzeitig zu schließen – da kocht die Jünglingsseele. Im Schlafe war Lessing-Faust eben noch Pennäler.
In solcher Dämmerung der Seele, in solch ambrosischer Nacht war's, daß Irene, die Selektanerin, die Fast-schon-Seminaristin, mit seltsamen Augen auf das Wunderknäul starrte, das ihre jüngste Schwester zum Geburtstage erhielt. Meine Frau sah diesen Blick, und als sie Irenen bald darauf ebenfalls ein Wunderknäul schenkte, da lag Irenen nichts ferner als Würde und Entrüstung und nichts näher als Freude und Lachen.