Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus prügelt sich mit Kant und Spinoza und verrenkt sich mehrere Hüften.
»Jung, du verschmierst ja all die schönen Bücher!« rief Frau Rebekka eines anderen Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter in die »Kritik der reinen Vernunft« hineinblickte.
Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch wirklich las, so durchackerte er es mit dem Bleistift und warf jede Scholle herum und erquickte sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; alle Bedenken, alle Zweifel, alle Widersprüche, die ihm aufstiegen, schrieb er an den Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. Gar oft ging es ihm wie seinem geliebten Faust:
»Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort; Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, Ich muß es anders übersetzen, Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin ...«
und das war immer der schlimmste Zweifel: ob er vom Geiste recht erleuchtet war. Er balgte
sich mit dem dürren Königsberger Männchen wie wahnsinnig; aber er wußte wohl, daß er mit einem Gottessohne rang wie Jakob an der Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als einmal und mußte manchmal einsehen, daß er nur deshalb widersprochen hatte, weil er nicht richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, aber hielt ihn von immer erneutem Ringen nicht ab. Nichts lag ihm ferner als Überhebung; seine Pietät gegen das Genie war eher zu groß als zu klein, und selbst solche Sätze wie:
»Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer Vernunfterkenntnis a priori«
konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, daß es dem »Alleszermalmer« denn doch wohl hin und wieder recht sehr an der Fähigkeit gemangelt habe, seine Gedanken gut und klar zum Ausdruck zu bringen. Es war einige Jahre später, daß er bei Schopenhauer an den Rand schrieb: Ach, hätte doch der Kant so schreiben können wie der Schopenhauer! Selbst, wo er für den Augenblick das sichere Gefühl hatte, gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein, zweifelte er nicht, daß ein späterer Tag ihm die Einsicht seines Irrtums bringen werde. Einstweilen war er überzeugt – und er blieb es auch später – daß der Monismus Spinozas kein
Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs- und Bewußtseinsvorgängen war nur ein umschriebener Dualismus. Denn warum und wozu war diese Maschine »Mensch« so gebaut, daß ihr derselbe Vorgang als »Ausdehnung« und »Denken« erschien? Der Dualismus war in den Menschen verlegt – das war alles. Und Körper und Seele aus der Welt schaffen, indem man sie einfach als Attribute einer Substanz auffasste – was war damit getan? Das Verfahren konnte man bei jedem unbequemen Gegensatze anwenden, und die »Substanz« war wie »das Ding an sich« ein Nichts, aus dem man alles machen konnte.
Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, und so gern seine Seele ihr Haupt in transzendenten Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie nicht ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre Platos wunderschön gefunden; aber sogleich hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist Glaube, nicht Erkennen.