»Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck! Meine teure Hulda ist weg!«

nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte nichts Gutes, Schönes,

Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen.

»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren Eindruck gemacht. Die Schule lag in der Hafengegend; unter ihrem Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« Straßen.

XXXVII. Kapitel.

Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals.

So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien erziehen, das war keine Kunst – so dachte er wenigstens damals; er sollte noch anders darüber denken lernen – aber hier galt es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist Heinrich Lohmann hier?«

Jawohl, Heinrich Lohmann war da; es war derselbe, den am ersten Tage die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers Klasse gekommen.

»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller. »Pack’ deine Sachen und komm mit.«

»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst Herr Drögemüller mußte lachen.