Masse der Tatsachen, wie sie Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften, absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts. Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber eine Sache ganz wissen, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben, ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen Pädagogik« das »non multa sed multum« bis zum Ekel wiederkäuen mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und niemals befolgte.
Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun wohl gut
und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie sogar den Charakter verdarben.
Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal, der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab.
Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.)
Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den Lehrer.
Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere Seitenfläche.
Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum dritten Male.
Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte dann den Klotz auf die große Seitenfläche.
Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male.