Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes
Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab, immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr Attest ist abgelaufen.«
Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen.
»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.
»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings.
Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht. Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann, können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in
der Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal. Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen Blick ins Attest. »Semper?«
»Jawohl, Herr Direktor!«
»Waren Sie das nicht, der neulich den ‘Erlkönig’ vortrug, als ich hospitierte?«
»Jawohl, Herr Direktor!«