LI. Kapitel.
Von rauschenden Bächen im Winter.
»Heute soll es sich entscheiden,« hatte sich Asmus gesagt. Er hatte sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners »Martin Luther oder die Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es schwülstig, verworren und langweilig; aber jetzt war ihm schon jedes Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte:
»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?«
»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte sie ebenso leise, mit starren Augen geradeausblickend. Und alles, was sie noch sprachen, klang leise wie der Regen, der gleichmäßig
herabtroff und gegen den sie keinen Schutz begehrten.
»Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt,« begann Asmus wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.«
»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme.
Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile.
Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen Arm sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand.