das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön!
»Wie anders tragen uns des Geistes Freuden
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt! Da werden Winternächte hold und schön, Ein selig Leben wärmet alle Glieder –«
Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du mußt zu Bett gehen,« dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich werde noch einmal beweisen, daß man überhaupt nicht zu schlafen braucht.«
Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater aber ging mit großen Schritten und mit gesenktem Kopf.
»Jung’, geh’ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der Träume zu.
Wer aber nun gefürchtet hätte, daß Asmus Semper ein Bücherwurm und Stubenhocker werden könnte, der würde doch nur den vierten Teil seines Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe zu seinen Einkaufgängen immer mehr Zeit gebraucht
hatte, als der Weg eigentlich erforderte, so fand er noch immer auf seinen Schul- und Heimwegen an diesem wunderbaren, ewig sich wandelnden Panorama der Welt ein unermeßliches Vergnügen. Da war zum Beispiel ein hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete. Sie war sehr einfach, aber ordentlich gekleidet und schien eine etwas bessere Stellung in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen sich ihre Blicke. Und von da ab traf es sich jeden Morgen, daß sie ihm in die Augen sah und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. Zuletzt fanden sich ihre Blicke schon ganz von weitem, auf zwanzig Schritte, und blieben so lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer aneinander vorbei waren. Und eines Morgens – war es möglich? war es denkbar? – eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus griff an den Hut; aber weil er so verwirrt war, tat er es erst, als sie schon vorüber war. Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale Dreistigkeit wäre, sie zu grüßen. Aber am nächsten Morgen nickte sie schon ganz deutlich, und tief zog Asmus den Hut, als wäre sie die Königin Semiramis. Und nach und nach nickte sie immer deutlicher und lächelte dabei, und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. Er mußte an Don Juan denken, der auch mit allen Mädchen angebunden hatte. Als aber nun die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder einmal umgezogen waren und Asmus einen
andern Weg zur Schule nehmen mußte, da hörten die Begegnungen auf. Es wußte wohl keiner vom andern, wer er sei, und ob ihm ein Glück vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam, wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten war, ward er wieder aufgesogen vom Grau.
Er ging durch manche graue Straße und manchen grauen Tag; denn der Himmel Hamburgs verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer war er erstaunt, wenn er die andern seufzen hörte: »Nun haben wir in drei Wochen die Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die Sonne? Gewiß, wenn sie am Himmel stand, dann war die Welt über alles Begreifen schön; aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, glücklich und begeistert sein? »Drei Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. Er hatte sie nicht vermißt. Ihm war es, als wäre eben noch Sonnenschein gewesen. Unter seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer Himmel. Aber merkwürdigerweise sah man ihm das nicht an. Er schaute meistens mit einem ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil er sie über alles Erwarten schön fand.