Und in warmem Behagen stapfte er durch den tagelangen, wochenlangen Nebel und den »fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit Behagen in die grauen Kanäle und mit Behagen empor an den altersgrauen Häusern der ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah anders aus und guckte einen an wie ein Mensch

und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches Wohnen.« Und seltsam, obwohl die Straßen schmal und dunkel waren, glaubte man’s doch, während man draußen durch die neuen Viertel seines heißgeliebten Oldensund, wo die wachsende Industrie eine Mietskaserne nach der andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. Asmus Semper hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle machen können; seitdem er diese neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen Hundehütten – nein, Hundehütten waren gewöhnlich hübscher – seitdem er die freche Prosa, die schamlose Häßlichkeit dieser Zementkisten gesehen hatte, seitdem konnte er sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen von Saugfäden, die selbst aus dem ärmsten und dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude sogen; auch in seiner Tabak- und Studierstube fand er noch Schönheit und Freude; aber vor dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich alle Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und nie empfand er ein grimmigeres Mitleid mit den Armen, als wenn er durch diese Straßen ging.

O, wie hatte er’s dagegen wieder gut getroffen mit seiner neuen Wohnung in der roten Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau Rebekka einen guten Griff getan, und sie triumphierte in hellen Tönen. Das Haus selbst war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber

gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, und davor stand eine unbewohnte, strohbedeckte Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, wie ein Weg zur Unterwelt, der Philosophenweg. O nein, es fiel dem Präparanden Semper gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge stehen und liegen zu lassen; er durchkostete den Park bis in seine fernsten, zartesten Wipfel, wenn auch nur mit den Augen – denn im Klettern hatte er’s niemals weit gebracht – er bevölkerte die Strohdachhütte mit den Gestalten Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs und Fritz Reuters; am Eingange des Philosophenweges aber sah er den Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, die den Schatten des Teiresias dem Hades entlocken sollten. Er war schon hundertmal durch diesen Philosophenweg gegangen und wußte ganz genau, daß nur ein kümmerliches Rinnsal ihn begleitete und daß er auf eine Goldleistenfabrik mündete – aber wenn er von seinem Bett aus durchs Fenster nach dem Eingang des Weges sah, dann war es der Ort,

»Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.«

daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken nichts zu ändern vermocht.

VI. Kapitel.

Fortsetzung des Beweises, daß Asmus kein Bücherwurm, sondern ein Sklave irdischer Lust ist.

Aber auch derbere Freuden verschmähte Asmus nicht; der Welt- und Sinnenlust war er ergeben wie in seiner Kindheit. Nicht jeden Sonntag und nicht den ganzen Sonntag verbrachte er bei den Büchern, nein, gewöhnlich suchte er am Sonntag nachmittag seine Freunde Knapp und Diepenbrock auf, die ehemaligen Mitdirektoren seines Puppentheaters. Zunächst ging er zu Knapp, den er gewöhnlich mit seinem Vater zusammen im Garten beschäftigt fand. Einmal waren sie bei der Mohrrübenernte, da sagte der alte Knapp:

»Na, Asmus, haust du deine Jungens auch fix?«