»Nein,« rief Asmus lachend, »ich unterrichte überhaupt noch gar nicht.«
»Ja, hauen mußt du sie, sons wird da nix aus.«
Und dann zog der alte Knapp eine Mohrrübe aus und gab sie Asmussen.
»Da – muß deine Kinder mitnehmen un muß sie sagen: »So wächsen die Worzeln.«
Asmus sah den Bildungswert dieses Verfahrens nicht ohne weiteres ein; aber er dankte höflich und steckte die Wurzel ein.
Und wenn die beiden dann zu Diepenbrock kamen, dessen Eltern ein Logier- und Speisehaus hatten, dann sah er da einen interessanten Mann auf dem Sofa liegen. Er hieß Zöllner, war Zigarrenmacher und lag jeden Sonntag, den Gott werden ließ, auf dem Sofa und las. Er besaß nicht nur den großen Meyer, sondern auch sämtliche Klassiker und Halbklassiker in prächtigen Einbänden. Und wenn er zwölf Sonntage hintereinander auf dem Sofa gelegen und gelesen hatte, dann ging er am dreizehnten hin und betrank sich so vollständig und andauernd, daß er eine Woche lang nicht aus dem Rausche herauskam; dann kehrte er wieder zu Meyer und den Klassikern zurück. Diepenbrock hatte viele Messer und Gabeln zu putzen, und Ewald Knapp und Asmus Semper halfen ihm dabei, damit er schneller fertig werde; aber Asmus mußte zwischendurch immer wieder nach dem Mann auf dem Sofa blicken, der ein schönes, vornehmes Gesicht mit einem langen braunen Bart hatte.
Wenn sie dann endlich fertig waren, gingen die drei fast eine Stunde weit nach der Hamburgischen Vorstadt St. Pauli, nach diesem St. Pauli, das in der ganzen Welt bekannt war als ein Stapelplatz irdischer Genüsse und Seligkeiten für Anspruchslose. Da gab es nicht
nur Kuchenbuden, Obstbuden, Bücherkarren, Karren mit Spielsachen, mit Kokusnüssen, die vor den Augen des Publikums geöffnet wurden, mit ambulantem Käse, der sich alle Düfte der Vorstadt unterwarf, mit Limonaden und Likören, da gab es auch Kasperletheater, Mordgeschichtenbilder, fliegende Museen, Naturalienhandlungen, Wachsfigurenkabinette, Theater, Singspielhallen – o, diese Singspielhallen! Am Abend waren die Portale mit hunderten von bunten Lichtern umkränzt, und wenn eine Tür aufging, sah man durch Rauchwolken wunderschöne Frauen tanzen – »wenn ich Lehrer bin und viel Geld verdiene, da geh ich auch hinein,« sagte sich Asmus.
Das erste aber, was die drei taten, war regelmäßig, daß sie – immer bei demselben »Konditor« – einen Eisenbahnkuchen kauften. Das war ein Gemisch von zerriebenem Schwarzbrot und Syrup mit einer Zuckerglasur darüber und war vielleicht eher zu den Laxiermitteln als zur Gattung der Kuchen zu rechnen; aber es schmeckte um so schöner, als es für 5 Pfennige einen halben Kubikdezimeter gab. Dann gaben sie sich zufrieden dem Genuß des Schauens, Kauens und Staunens hin.
»Der siebenfache Raub- und Elternmörder Timm Thode, das größte Scheusal in Menschengestalt!« schrie ein dickes Weib und schlug mit einem Rohrstock klatschend gegen ein 12teiliges »Gemälde«, das die Leistungen des Gefeierten