der Liebe von Charlotte Birch-Pfeiffer. Aus den Stücken machte sich Asmus nicht viel; aber der jugendliche Held und Liebhaber gefiel ihm über die Maßen. Asmussens Vater behauptete, diesen Mann schon vor dreißig Jahren als jugendlichen Liebhaber gesehen zu haben, und taxierte ihn auf sechzig Jahre. Aber er hatte sich aus besseren Tagen in Spiel und Stimme einen edlen Rest bewahrt, und dieser genügte, um Asmus zu entflammen. Vor allem diese Sprache! Das mußte auch in Wirklichkeit ein edler, seelenguter Mensch sein, davon war Asmus tief überzeugt. Und die Liebhaberinnen verehrte und liebte er ohne Ausnahme; denn er war etwas kurzsichtig und saß auf einem billigen Platze weit hinten. Eine sanfte Stimme und ein weißes Gewand genügten, um ihn von der heiligen Unschuld einer Heldin zu überzeugen. Er war in jenem Alter, wo die Ästhetik der jungen Leute immer dem andern Geschlechte recht zu geben pflegt.

Wenn sie aber sehr viel Geld hatten, fünfzig Pfennige oder noch mehr, dann gingen sie in ein »richtiges« Theater, wie Asmus es nannte, das heißt ins Stadt- oder Thaliatheater. Einmal erwischte Asmus auf der höchsten Galerie einen Platz, von dem aus er nur dann die Bühne erblicken konnte, wenn er seinen Körper in einen fast rechten Winkel bog. Man gab Don Carlos, ein Stück, das zwischen sechs- und siebentausend Verse hat. In den Zwischenakten

hatte er beachtenswerte Kreuzschmerzen; aber sobald der Vorhang wieder aufging, waren sie verschwunden. Es war eine Begeisterung mit Hindernissen; aber so stark war sie, daß die Jünglinge noch stundenlang im Regen spazieren gingen und sich nur in Ausrufungssätzen über den Don Carlos und seinen Dichter unterhielten. An solchen Abenden hatte Asmus stärker denn je das Gefühl: Warum geht man eigentlich zu Bett? Man verliert ja die Hälfte des Lebens, die Hälfte der Welt! Und als er eines Tages bei Grabbe die Worte fand: »Die Zeit, die man nicht schläft, heiß ich dem Tode abgewonnen,« da jauchzte er förmlich auf: Ja, das ist mein Mann.

VII. Kapitel.

Wie Asmus sang, trank, lachte, weinte und prustete.

Es muß andrerseits gesagt werden, daß er dasselbe Gefühl auch beim Biertrinken hatte, und das Biertrinken studierte er außer anderem bei Herrn Bockholm. Franz Bockholm war ein blindgeborener Orgel- und Klaviervirtuos und wohnte, obwohl er ein ziemlich wohlhabender Mann war, in einer winzigen, obskuren Arbeiterkneipe, die innen und außen vom Ruß der nahen Glashütten geschwärzt war. Asmus wurde eines Tages durch einen Zigarrenarbeiter, dem er Privatstunden gab und der das Honorar für das abgelaufene Vierteljahr in einem Glase Bier erlegen wollte, dorthin geführt. Natürlich genoß der blinde Künstler in diesen Räumen die Verehrung eines weißen Elefanten, und Asmus empfand eine tiefe Ehrerbietung, als er ihm in aller Form vorgestellt wurde. Schon vor dem Unglück der Blindheit allein empfand er eine heilige Ehrfurcht; als sich nun aber der Blinde gar ans Klavier setzte und wunderschön aus der »Zauberflöte« phantasierte, da vergaß er »in diesen heiligen Hallen« vollends, daß es eine Schnaps- und Bierschenke war. Dann

unterhielt man sich, und Asmus fiel es auf, daß Herr Bockholm den Kopf neigte und horchte.

»Donnerwetter!« schrie plötzlich der Blinde, »Donnerwetter! Sie müssen doch singen können!«

Asmus stotterte verlegen, daß er nur ein bißchen singen könne – »eigentlich gar nicht!« rief er schnell; denn er hatte Angst.

»Kommen Sie, kommen Sie!« rief Bockholm, und schon saß er wieder am Klavier. »Sie haben einen Bariton. Was können Sie singen?«