»Djä – – un wenn du denn so dumm wärs wie jetz, denn nütz di dat ook nix.«
»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn ick man din Mul harr, denn gung dat woll,« und dann stießen sie miteinander an und lachten.
Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei einem das Herz ganz frei und warm wurde!
Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige Seidel Bier für den Künstler zahlen; aber das nahm er nur unter der Bedingung an, daß er sich revanchieren dürfe, und so kam er immer häufiger auf die dreißig Seidel und mit jedem Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher.
Die Privatstunden im Biertrinken kamen Asmus zu statten bei den heimlichen Zusammenkünften der Albingia. Die Albingia war eine heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, Zereviskappen und allem Zubehör eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes Haupt, das die Geheimnisse der Albingia mit dem furchtbaren Ernste des Verschwörers behandelte und an ein Sakrament der Kneipe zu glauben schien, wurde Asmus in diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich bei der ersten Kneipe hieß es: »Semper muß aus ’m Faust rezitieren,« und Asmus ließ sich vom
Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes und ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne am Ende des Saales. Er sprach die ersten Monologe des Faust bis zum Anbruch des Ostermorgens, und als er an die Stelle kam:
»Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen; Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen; Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht. Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle; Den ich bereitet, den ich wähle, Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!«
da goß Asmus den Inhalt des Fläschchens in das Glas. Der Saft war nichts anderes als Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze Versammlung würde den mit ewiger Verachtung belegt haben, der darüber gelacht hätte.
Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. Er fand es ungemein possierlich, daß er als Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die lange Pfeife anzünden mußte, und er war glücklich und stolz, als er endlich »entschwänzt« wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust« erhielt. Er war noch gewohnt, alle Dinge des Lebens tief zu nehmen, und hielt es für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen »Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie
die Gedanken Rousseaus und die Entstehung des Pentateuchs. Er konnt’ es nicht begreifen, wie man trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, auszuharren, dennoch um drei Uhr morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste deutsche Treue gebot, den Präsidenten nicht im Stich zu lassen. Und am wenigsten konnt’ er begreifen, daß sie nicht lustiger waren, daß sie all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen Lieder und Schnurren, von denen das Kommersbuch förmlich platzte, für gewöhnlich so frostig, gleichsam geschäftsmäßig abmachten. Mein Gott – als er sich das Kommersbuch zu Hause vornahm – da lachten und schwärmten ja ganze Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, der Übermut, der Jugendglaube von zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; alle Augenblick mußt’ er aufspringen, mit den Fingern schnalzen, Tanzsprünge durchs Zimmer machen; auf seinen Wangen mischten sich Lachtränen und Weintränen – o, wie mußte das über alle Begriffe herrlich sein, wenn solch ein Lied durch den Saal brauste, wie göttlich lustig mußte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen sangen: