nur eine Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher, und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher, die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine; aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein reiches Leben gehabt.«

In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine, unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus, daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe immer das Gefühl, daß Sie kein

Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!«

»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus.

Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung, unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die »Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war, das konnte er nicht mehr wissen.

XI. Kapitel.

Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den Hund kam.

Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen. Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen; er nickte nur stumm und verließ das Zimmer.

Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel. Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen war. Und als er vor der Klassentür stand und die

führerlosen Kinder lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er? Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«.