Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen Durch den abendlichen Himmelsraum. Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen Zarte Lichter wie ein Flockensaum.
Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen Ragt die Wolke hoch in den Azur, Doch um ihre Stirne lichtgetroffen Hängt des Alpenglühens Rosenflur.
Denn verborgen hinter jener Mauer Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, Blickt nach dort verklärten Angesichts.
Also sah ich düstre Menschenstirnen In den Grenzen dieser Erde auch: Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen Eines fremden Lichtes leiser Hauch.
Augen sah ich, die dem Hier entrinnen, Das mit Tränenschatten sie umhüllt; Doch versunken war ihr Blick nach innen Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. –
Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit.
Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er stand vor den Kindern.
Sie verstummten vor Überraschung. Was will der denn, dachten sie. Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war nicht so schwer; aber das Unterrichten!
Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade! Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder »katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er
jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse, das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »W« anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine »Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase geputzt habe usw.