Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war, und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen; aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen, und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren;
denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen dasselbe.
Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg.
Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge, du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer gemacht!«
Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater: »Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die Allgemeinheit ab.
Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer, Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein über das rechte und bewegte
die Lippen und lächelte. Und alle waren still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich, es währte nicht lange, da klang es durch den Raum:
»Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –«
— — — — — — — — — — —
In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich, was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen mitunter schwer wurde. Anfangs empfand