Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit seinem Bruder nach

Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen« und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen.

Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte.

XV. Kapitel.

Asmus hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhält sein erstes Dichterhonorar.

Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden; Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man war auf gewisse Weise heiter; einige hatten ihrer Heiterkeit mit Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man konnt’ es Heiterkeit nennen, wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glanze hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder; aber kein Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit; aber plötzlich sang etwas in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm aufwachte,

die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang, monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusammen die »Fantastische Symphonie, op. 14« von Berlioz gehört. Und da hatte ganz besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die den Komponisten zu diesem Gesange angeregt hatten; aber die Melodie hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame, süß-traurige Weise die Augen auf.

sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen.

»Sobald ich drüben bin, schick’ ich meine Adresse; dann mußt du mir fleißig schreiben.«