»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort. »Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer geworden.«

Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein Unglück ist.

Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es Asmussen wie ein Messer

durch’s Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen, die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht begabter, und mußten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche liegen? Nein.

Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig.

Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers, drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem Buben. Die Älteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte, wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75 Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut.

Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwicklung eines Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung

war es so zurückgeblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor – das konnte nicht immer kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins Auge, und dann war alles vorbei ... Dann mußte Asmus aufspringen und ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaßt habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht.

»Sag’ mal Klaus!« – »Klaus.«

»Klemme!« – »Klemme!«