Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie beschmutzte

ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte, sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter verfolgen.

Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe, die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte, ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten; er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte?

Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen.

Das Wort des Polonius an seinen Sohn:

»Härte deine Hand nicht durch den Druck Von jedem neu geheckten Bruder«

hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen.

Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu Werner von Kiburg, wenn er ruft:

»Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter, An meine Fersen heftet sich der Tod, Und unter Flüchen krachet mein Genick. Vom Werner laß ich nicht!«

und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich gesittetes Betragen zeigten.